Schwere Dampfwalzen rollen den Wahltag ein. Der Duft frisch gelegten Teers schwebt in den Straßenschluchten von Tirana. Die tägliche Einweihung von Straßen – "gern in mehreren Teilabschnitten" – zählt in Albanien zum festen Bestandteil des Wahlkampfs der Regierung, sagt Gledis Gjipali, der Direktor der Europäischen Bewegung Albaniens. Weitere Tricks im Standardrepertoire sind die Besetzung von Wahlkommissionen und Gerichten sowie Stimmabgabe mittels Pässen von Bürgern im Ausland, die ihre Papiere gegen Geld "verleihen". Welche Kunstgriffe dieses Mal genau angewendet würden, sei kaum vorhersehbar. Auf dem Balkan könne die Opposition meist nur mit einem großen Vorsprung einen Machtwechsel erzwingen: "Denn das System bevorzugt diejenigen, die die Macht haben, alles zu regeln." Daran dürften auch die vielen Wahlbeobachter aus dem Ausland wenig ändern.

Wahlkampf im ärmsten Land Europas bedeutet, dass Pop-Sternchen auf der Bühne vor dem früheren Josef-Stalin-Werk fachkundig ihre Hüften rollen lassen. "Berisha, Berisha – Sieg, Sieg, Sieg!" skandieren in Tiranas Vorort Kombinat jugendliche Fahnenschwinger. Der sozialistische Oppositionschef Edi Rama sei "ein Idiot", heizt der konservative Parlamentarier Edi Paloka die Stimmung an.

Die Techno-Hymnen steigern sich zum Orkan, als endlich das betagte Zugpferd der regierenden Demokratischen Partei (DP) das Mikrofon ergreift. Er werde alle Straßen in Tirana neu asphaltieren lassen und in der Hauptstadt 30.000 neue Arbeitsplätze schaffen, ruft der 68-jährige Premier Sali Berisha mit heiserer Stimme seinen jubelnden Anhängern zu: "Die Albaner wissen, wie sie die Lügen der Opposition in den Papierkorb werfen." 

Umfragen sehen Opposition leicht vorn

Wie bei dem von Vorwürfen der Manipulation überschatteten Wahl vor vier Jahren fordert bei den Parlamentswahlen am Sonntag erneut der 48-jährige Sozialist Edi Rama seinen Dauerwidersacher Berisha zum Duell heraus. Wie damals liegt seine oppositionelle SP in den meisten Umfragen leicht vor Berishas DP. Und obwohl ein Großaufgebot von 400 internationalen Beobachtern über die Wahl wachen wird, scheint ein Szenario aus Manipulationen, blutigen Protesten und endlosen Gerichtsscharmützeln auch dieses Mal wahrscheinlich: Die Demokratie gilt bei dem EU-Anwärter noch immer nicht als gefestigt.

Berisha habe zumindest die Autobahn nach Kosovo gebaut, sagt Taxi-Fahrer Razaman. Oppositionschef Rama kümmere sich nicht einmal um seine eigene Familie: "Wie soll er sich dann um das Land kümmern?" Von den Asphaltierkünsten der Regierung zeigt sich hingegen der Schlosser Lan kaum beeindruckt. Das größte Problem sei die hohe Arbeitslosigkeit: "Man kann hier nur den eigenen Händen und sicher keinen Politikern vertrauen." Gledis Gjipali von der Europa-Bewegung sagt, er hoffe, die Differenz zwischen Gewinner und Verlierer falle so groß aus, dass die Wahl nicht angefochten werde. "Doch ich fürchte, dass sie knapp ausgeht. Und dass die Regierung alle Mittel nutzt, um das Ergebnis in ihrem Sinne zu beeinflussen."