ZEIT ONLINE: Sie haben das erste Buch über den britischen Geheimdienst Government Communications Headquarters (GCHQ) geschrieben. Wie recherchiert man über eine derart geheimniskrämerische Organisation?

Richard J. Aldrich: Ein Freund von mir leitet den historischen Verein des Museums von Bletchley Park. Das war der Sitz und Name der Militäreinheit, die im Zweiten Weltkrieg für Dekodierung zuständig war. Er bat mich darum, einen Text darüber zu schreiben, wie das GCHQ 1946 aus Bletchley Park hervorging. Ich dachte, das sei eine Sache von zwei Tagen, weil das GCHQ alle Dokumente geheim hält. Aber dann stellte ich fest, dass es bei seinen Abnehmern – Politikern, Militärs, Diplomaten – jede Menge Material gab. Es war, als schriebe ich die Biographie eines berühmten Menschen, indem ich mit seinen Freunden sprach.

 

ZEIT ONLINE: Hat sich die Rolle des GCHQ im Lauf der Zeit verändert?

Aldrich: Während des Kalten Krieges waren seine Ziele klar: russische U-Boote, chinesische Raketen, feindliche Länder. Dann gerieten Menschen ins Visier: Terroristen, Kriminelle, Drogenschmuggler. Die Grenze zwischen inländischer und ausländischer Aufklärung begann zu verschwimmen, heute hat sie sich komplett aufgelöst. Die Kommunikation hat sich globalisiert: Wenn ich meinem Nachbarn eine E-Mail schreibe, kann es sein, dass sie über mehrere Länder geleitet wird, bis sie bei ihm ankommt. Die Regierung gibt das nicht zu, aber das GCHQ, das ursprünglich ausländische Ziele beobachten sollte, richtet sich zunehmend nach innen, auf uns.

ZEIT ONLINE: Wie arbeitet das GCHQ genau?

Aldrich: Wenn sie wissen, wen sie suchen, schauen sie sich seine E-Mail oder IP-Adresse an. Die Herausforderung ist, die Leute zu finden, die sich zu Hause in ihrem Schlafzimmer per Internet selbst radikalisieren. Leute, die keinen Kontakt zu irgendwelchen Gruppen in Pakistan haben, aber einen Anschlag verüben wollen. Diese Leute suchen sie anhand von Algorithmen, die Verhaltensmuster analysieren: Wer klickt bestimmte Webseiten an, wer bezahlt sein Benzin mit Bargeld, wer fliegt in bestimmte Länder? In erster Linie sammeln sie solche Verbindungsdaten – auch weil man sie länger speichern darf als Inhalte.

ZEIT ONLINE: Konnte GCHQ dadurch denn Anschläge verhindern?

Aldrich: Auf jeden Fall. Es hat zum Beispiel dazu beigetragen, einen Anschlag bei den Olympischen Spielen zu verhindern.

ZEIT ONLINE: Wie eng arbeitet das GCHQ mit der amerikanischen NSA zusammen?

"Sie verstehen moderne Technologien nicht"

Aldrich: Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Großbritannien, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland ein Abkommen unterzeichnet, um ihre Informationen international auszutauschen. Inzwischen gibt es zum Beispiel bei der Terrorismusbekämpfung gemeinsame Teams, zum Teil verschmelzen sie zu einer Organisation. Im Hauptquartier des GCHQ arbeiten vielleicht zwei Dutzend NSA-Agenten, andersherum arbeitet vielleicht ein Dutzend GCHQ-Mitarbeiter bei der NSA-Außenstation im britischen Menwith Hill.

ZEIT ONLINE: Wie zieht man da die Grenze? Informationen von GCHQ sollen zu einem CIA-Drohnenanschlag in Nordwasiristan beigetragen haben, der Sohn eines der Getöteten, ein britischer Staatsbürger, will deswegen vor Gericht ziehen.

Aldrich: Die Mitarbeiter des GCHQ sind sehr besorgt darüber, wofür ihre Informationen letztendlich verwendet werden und von wem: Es kann sein, dass sie beim Mossad landen oder Kampfhandlungen auslösen. Die britische Regierung versucht, ihre Geheimdienstleute zu beruhigen, aber das funktioniert nicht. Die Aufsicht liegt nicht mehr primär bei den parlamentarischen Kontrollgremium, sondern bei den Richtern, der Presse und den Whistleblowern.

ZEIT ONLINE: In Deutschland und auf EU-Ebene gab es viel mehr Kritik am GCHQ als zu Hause in Großbritannien. Woran liegt das?

Aldrich: An der Geschichte. Sie haben autokratische Regierungen erlebt, wir nicht. Beim GCHQ denken die meisten Briten an Bletchley Park und den glorreichen Sieg im Zweiten Weltkrieg. Sie verstehen moderne Technologie nicht, sie denken an die Vergangenheit und romantisieren sie.

ZEIT ONLINE: Sie haben in einem Kommentar geschrieben, dass GCHQ und NSA nicht mehr das Hauptproblem bei Internetüberwachung sind. Wer ist es dann?

Aldrich: Es sind nicht mehr die Nachrichtendienste, die am meisten über uns wissen, es sind Internetfirmen, Supermärkte, Fluggesellschaften und Banken. Bei Boston haben wir gesehen, dass auch viele Bürger Informationen gesammelt und analysiert haben, manches davon war falsch. Es ist ein gefährlicher Trend. In Großbritannien sind Lastwagenfahrer dazu verpflichtet, zu melden, wenn sie einen Hinweis auf Menschenhandel haben; Bankangestellte müssen Formulare ausfüllen, wenn ein Kunde ungewöhnlich hohe Summen einzahlt. Jedes Jahr wird eine halbe Million solcher Berichte eingerichtet. Es sind nicht nur die Geheimdienste, die Informationen besitzen; es sind Supermärkte, Lastwagenfahrer, es sind Menschen wie Sie und ich. Das ist die Zukunft.