Tränengas, Rauchbomben und Pfefferspray

Es dürfte Sepp Blatters Alptraum sein. Aufgewühlte Menschen, die bei einem Turnier der Fifa gewaltsam in ein Stadion gelangen – vor den Augen der ganzen Welt. Vor dem Confederations-Cup-Spiel zwischen Brasilien und Mexiko in Fortaleza versuchten es einige. Nicht weit vom Stadion Castelão entfernt, das zur Weltmeisterschaft für 170 Millionen Euro renoviert wurde, machten sich einige der 15.000 Demonstranten daran, eine Polizeibarriere zu durchbrechen. Mit Steinen bewarfen sie die Polizisten. Diese reagierten mit Gummigeschossen, Pfefferspray und Rauchbomben. Die Barriere hielt, aber auf beiden Seiten gab es Verletzte.

Am siebten Tag der Proteste wird die Situation überall in Brasilien angespannter. Begonnen hatte die Zuspitzung in der Nacht zuvor in São Paulo, dem Ursprungsort und bisherigen Zentrum der Proteste. Erneut protestierten 50.000 Menschen. Die große Mehrheit ging gemächlich durch die Straßen, sang ihre Lieder, tanzte zu Sambaklängen. "Wir wollen den Fifa-Standard für Krankenhäuser und Schulen" stand auf einem der vielen fantasievollen Banner. Doch es gab auch Ausschreitungen. Ein Übertragungswagen des Fernsehkanals Record wurde angezündet, er brannte völlig aus. Einige versuchten das Teatro Municipal zu stürmen, in dem gerade Stravinskys The Rake’s Progress aufgeführt wurde. Die Türen blieben geschlossen, doch während das Stück weiterlief, sprühten einige "Acenda a burguesia" (Zündet die Bourgeoisie an!) an die Wand des eleganten Hauses. 

An den oberen Fenstern des Rathauses sahen besorgte Mitarbeiter des in die Kritik geratenen Bürgermeisters Fernando Haddad zu, wie Demonstranten die unteren Fenster einwarfen und versuchten, die Türen aufzubrechen. Für ein paar Stunden war das Rathaus regelrecht belagert, bis die Polizei die Gruppe vertreiben konnte. Plünderer brachen in Läden ein und bedienten sich an Markenkleidung und Elektronikgeräten.

70 Prozent der Brasilianer unterstützen Protest

Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass sich Nation sich gerade gehörig über ihre Jugend wundert. Konsumgeil seien die jungen Leute, statt an Politik nur an Smartphones und den neuen Nike-Modellen interessiert – so klagen in Brasilien gerade jene Aktivisten, die vor 30 Jahren die Diktatoren verjagt hatten. "Wir sind aufgewacht" schallt es ihnen von den 20- bis 30-Jährigen auf den Straßen hunderttausendfach entgegen.

Dass die Proteste eigentlich kein konkretes Ziel haben, stört da nicht. Ein junges Mädchen, von einem Fernsehsender gefragt, warum sie auf der Straße sei, sagte in die Kamera: "Ich kenne keinen Grund, nicht auf der Straße zu sein." Die Forderungen der Demonstranten reichen von einer gerechteren Indianerpolitik über eine bessere Verteilung des Wohlstands bis hin zur schärferen Verfolgung korrupter Politiker. "Die Menschen protestieren für den common sense", schrieb der Anthropologe Roberto DaMatta, einer der angesehensten Kulturkommentatoren, in seiner Kolumne.

Und das kommt an. Trotz der Ausschreitungen in São Paulo stimmen in  Umfragen mehr als 70 Prozent der Menschen der Protestbewegung zu. Man hat den Eindruck, die Leute rücken zusammen. Eine der Protestierenden in São Paulo ist die 83-Jährige Eleuntina Scuilgaro. "Ich bin für meine Enkeltöchter hier", sagte sie in eine Kamera.

In den Nachrichtensendern konnten die Moderatoren gestern kaum ihren Stolz verhehlen, dass die New York Times ein Bild der Proteste auf ihrer Titelseite zeigte. Und auch einige Spieler aus der Nationalmannschaft zeigten sich solidarisch. "Ich befinde mich in einer guten Position aber ich sehe auch, was in Brasilien geschieht. Die Proteste auf den Straßen ergeben für mich einen Sinn. Wir wissen, dass es in Brasilien eine Menge zu verbessern gibt", sagte Hulk auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Mexiko. Und im Stadion schienen Zuschauer und Spieler die Nationalhymne noch inbrünstiger zu singen als sonst. Der Spieler Oscar hatte Tränen in den Augen, David Luiz beschrieb es später "als einen der schönsten Momente meines Lebens."

Erhöhung der Ticketpreise rückgängig gemacht

Der Druck auf die Politik wird stärker. Und sie reagiert. Am Mittwochabend kündigten Geraldo Alckmin, Gouverneur des Bundestaates São Paulo, und sein Amtskollege des Staates Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, die Rücknahme der Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr an. Zuvor hatten dies bereits  Regierungen in weiteren Städten beschlossen, darunter in den Bundeslandhauptstädten Recife und Porto Alegre. Die erhöhten Fahrpreise hatten vor einer Woche die Proteste ausgelöst.

Doch damit wollen sich die Menschen – und vor allem die jungen – nicht abspeisen lassen. "Es ist doch klar, was die Politiker bezwecken wollen. Die wollen uns ruhig stellen, indem sie die Forderung erfüllen, die ihnen am wenigsten weh tut", sagt Evaldir dos Santos, ein 22-jähriger Mathematikstudent in Rio de Janeiro. "Aber das lassen wir nicht mehr mit uns machen."

Eine Million Demonstranten erwartet

Deswegen zogen sie auch am Mittwochabend wieder los. Nicht immer blieb es friedlich. In Niterói, gegenüber Rio de Janeiro an der Guanabara-Bucht gelegen, versuchten einige Protestler die berühmte Niemeyer-Brücke zwischen beiden Städten zu blockieren. Dort wartete schon ein sogenanntes "Schock-Bataillon" der Polizei auf sie – mit Hunden und Tränengas. Immer wieder kam es zu Tumulten. Die Protestler errichteten brennende Straßenblockaden und versuchten, einen Bus zu kippen. Zwischendurch verriegelte die Polizei die komplette Innenstadt.

In Rio de Janeiro blieb es ruhig, wie auch in den vergangenen Tagen. Doch das könnte die Ruhe vor dem großen Sturm sein. Denn dort werden vor dem Spiel Spanien gegen Tahiti eine Million Demonstranten erwartet. Marschroute: Von der Innenstadt zum Maracanã-Stadion, wo um 16 Uhr angepfiffen wird. Nach Medienangaben wurden die Polizeieinheiten vor dem Stadion auf mindestens 1.800 Beamte verstärkt. Sollte die Situation eskalieren, es wäre nicht nur Sepp Blatters Alptraum.