Weil die Luft immer ätzender wird, beschließen sie bald, den Keller zu räumen. Er ist zur Falle geworden. Hustend schaffen sie es vor das Hotel, wo die Polizei postiert ist, mit Wasserwerfern, die gerade stillstehen. "Das ist erst der Anfang, unser Widerstand wird weitergehen!", rufen Hunderte ihnen wütend entgegen, mit gereckten Fäusten.

Knapp zwei Stunden später auf der Siraseviler Straße in Cihangir, die direkt zum Taksim-Platz führt: Ein einzelner Wasserwerfer steht ein paar Hundert Demonstranten gegenüber, mal stoßen sie vor, dann ziehen sie sich wieder zurück. Dann schießen die Polizisten hinter dem Wasserwerfer auf einmal eine geballte Ladung Tränengas mitten in die Menge der Protestierenden, dicke Schwaden steigen auf und lassen die Augen schmerzen, tränen, kurzzeitig erblinden. Einige Demonstranten flüchten in eine Art Pförtnerloge auf der Rückseite des deutschen Krankenhauses hier.

Nacht der Dramen und Gewalt

Da harren sie aus, während draußen die Schüsse der Tränengas-Gewehre zu hören sind, und versuchen auf dem verschneiten Bild eines alten Fernsehers zu erkennen, was in ihrer Stadt, in den Straßen neben ihnen gerade geschieht. Vor dem Haupteingang des Krankenhauses tragen die Mutigsten Stangen, und was sie sonst so finden konnten, zusammen für eine Barrikade, angefeuert von den anderen. Dann fliegen Rauchbomben und wieder Tränengas, eine der großen Patronen knallt in den Hof des Krankenhauses und an die Eingangstür. Panisch flüchten sie in das Gebäude, ein Mädchen bricht weinend zusammen, Männer fallen um und schreien vor Schmerz. Einer blutet stark im Nacken, Ärzte kommen herbeigerannt und helfen.

Das alles ist nur ein kleiner Ausschnitt der Dramen und der Gewalt in dieser Nacht. Unmöglich ist es, einen Überblick zu haben über alles, was in der Stadt passiert. Was sicher ist: Am späten Abend machen sich Zehntausende aus den Stadtvierteln auf in die Innenstadt, um die Protestierenden dort zu unterstützen. An manchen Orten stoppt die Polizei sie, an anderen Orten kommen sie durch. Bis zum Morgen ist unklar, ob die Brücke von der asiatischen zur europäischen Seite nun voll mit Protestierenden ist, ob sie gesperrt oder gar mit Tränengas eingenebelt wurde. In den anderen Städten des Landes gehen Massen nachts auf die Straßen, um ihre Solidarität mit den Istanbuler Aktivisten zu zeigen.

Weitere Großdemonstration geplant

All das ist kein Krieg, wie die Grünen-Politikern Roth es sagte, aber es ist ein Drama. Und es ist noch lange nicht vorbei. Am Sonntagnachmittag wollen die Protestierenden eigentlich eine Großdemonstration auf dem Taksim-Platz veranstalten, mindestens eine Million Teilnehmer ist das Ziel. Nach dieser Nacht könnten sie diese Marke wohl erreichen, aber wo sollen sie demonstrieren, wenn die Polizei den Platz kontrolliert? Werden sie versuchen, ihn zurückzuerobern?

Am frühen Abend wird eine Gegenveranstaltung stattfinden: Erdoğan hat seine Anhänger zur Kundgebung in einem Stadtteil etwas außerhalb aufgerufen. Wird er sie aufstacheln gegen seine Gegner? Alles scheint möglich nach dieser schrecklichen Nacht in Istanbul, und nichts davon macht Hoffnung.