Das Trauma der Wahl von 2009 sitzt tief im Iran. Beachtlich war damals die Beteiligung, 85 Prozent schätzen Beobachter – auch wenn es kaum Möglichkeiten gibt, belastbare Belege dafür zu finden. Gerade die jungen Iraner hatten große Hoffnungen in die Abstimmung gesetzt.

Als dann die unterlegenen Oppositionsführer Mir Hossein Mousawi und Mehdi Karroubi von Wahlmanipulation sprachen, gingen Hunderttausende auf die Straßen: "Nieder mit der Diktatur" oder "Wo ist meine Stimme?" waren ihre Slogans. Wochenlang protestierte die Grüne Bewegung gegen das offizielle Ergebnis, stellte sich unerschrocken gegen die Brutalität der Sicherheitskräfte, wuchs an zu einer Art Beinahe-Revolution.

Vier Jahre später ist es still geworden, obwohl die Iraner am Freitag erneut ihre Stimme abgeben sollen. Die Demonstrationen damals wurden niedergeschlagen, Aktivisten, Politiker und Journalisten inhaftiert, Hunderte flohen aus dem Land, mehr als 70 Menschen sollen bei den Protesten getötet worden oder im Gefängnis gestorben sein.

Mousawi und Karroubi stehen seit Februar 2011 unter Hausarrest, damit fehlen die Leitfiguren, um den Protest erneut zu mobilisieren. Zudem drohten die Polizeibehörden schon Wochen vor der Wahl damit, Aktivitäten der Oppositionsanhänger zu unterbinden, erneut kamen kritische Aktivisten in Haft.

Medien und Aktivisten unter Beobachtung

Lange war der Protest deshalb von den Straßen verschwunden. Bestenfalls virtuell, auf Blogs, Facebook oder Twitter, kursierten Debatten und Slogans. Im Ausland entstanden Onlineplattformen wie Jaras, Kaleme, Neda-ye Sabz oder Rasa TV, die gewissermaßen eine Gegenöffentlichkeit zu den staatlichen iranischen Medien schaffen. Sie waren von Beginn an auch Plattformen für Kommuniqués namhafter Akteure der Bewegung und Informationsquelle über die Lage der politischen Gefangenen und Journalisten. In diesen Tagen etwa liest man nur dort regelmäßige Hinweise auf den Gesundheitszustand Mousawis und Karroubis.

Die Journalisten im Land sind vorsichtig geworden, sie sparen mit Kritik. Denn das Regime übt großen Druck aus. So wurden unter anderem drei Publikationen, die dem Reformlager nahestehen – Aseman, Tajrobeh und Mehrnameh – verboten; Journalisten kamen in Haft, Internetseiten wurden blockiert. Die Behörden ließen keinen Zweifel daran, dass sie alle Veröffentlichungen genau beobachten, und drohten unverhohlen mit Konsequenzen, sollten sich die Medien nicht in Selbstkontrolle üben und ihre Berichterstattung "verantwortungsvoll" betreiben.

Über die Facebook-Seite 25bahman versuchten Aktivisten nach dem Hausarrest Mousawis und Karoubis, die Bewegung weiter zu koordinieren. Mehrere Protestaufrufe dort zeigten aber auch, dass die Mobilisierung ohne die charismatischen Protagonisten kaum Wirkung entfaltet. Den öffentlichen Raum erreichten diese Aktivitäten nicht mehr.

Namhafte Aktivisten, wie der im Ausland lebende Mohammadreza Jalaeipour spielen in einem bestimmten Spektrum der Grünen Bewegung weiterhin eine Rolle. Jalaeipour ist einer derjenigen, die sich trotz aller Repressionen – er selbst war länger als ein Jahr in Haft – unbedingt für eine Teilnahme an den Wahlen aussprechen, während andere die Abstimmung boykottieren wollen.

Sprechchöre im Trauerzug

Es gibt durchaus eine ausgedehnte politische Debatte auf verschiedenen Onlineplattformen, die im Iran selbst wahrgenommen wird. Andere Stimmen wie der Blogger Persianbanoo – auch auf Twitter als @persianbanoo sehr aktiv – wollen vor allem nach außen über die Entwicklungen im Land informieren. Sie übersetzen persischsprachige Artikel und Meldungen ins Englische, in denen zumeist die Situation der politischen Gefangenen diskutiert wird.

Seit einigen Wochen ist die Facebook-Seite Setad Salam im Netz. Dort finden sich zumindest Lebenszeichen der Grünen Bewegung, die zuletzt als tot galt, in Form von Videos und Fotos. Der Wahlkampf ist für einige Kritiker doch Anlass, die Stimme zu erheben.

In der vergangenen Woche nahmen gar Tausende Iraner an einem Trauermarsch für den verstorbenen Geistlichen Ajatollah Taheri teil. Der Zug wurde von lautstarken Sprechchören begleitet: Erneut riefen die Menschen: "Nieder mit der Diktatur", und forderten die Freilassung Mousawis und Karroubis.

Im Feld der Präsidentschaftskandidaten scheinen vor allem zwei Politiker Teile der Grünen Bewegung wieder mobilisieren zu können: Mohammed Resa Aref, der sich am Dienstag aus dem Rennen verabschiedet hat, und Hassan Ruhani.

"Lang lebe Mousawi"

Ruhani gewann vor allem viel Sympathie, weil er die Proteste bei einer Diskussionsveranstaltung unmittelbar nach der Wahl 2009 verteidigte. Wie so viele forderte er eine Überprüfung der Wahlergebnisse. Das iranische Staatsfernsehen machte Ruhani bei dieser Gelegenheit dafür verantwortlich, die vom Regime beklagte "Verhetzung" (fetneh) der Massen mitbefördert zu haben.

Seither wird bei nahezu jeder öffentlichen Veranstaltung Ruhanis an die Leitfiguren der Grünen Bewegung erinnert und stets die Freilassung der politischen Gefangenen gefordert – selbst der englischsprachige Staatssender Press TV sieht sich gezwungen, diese Bilder zu zeigen. Vor seinem Ausstieg zugunsten Ruhanis war es bei den Wahlkampfauftritten Arefs ganz ähnlich: Immer waren auch Sprechchöre zu hören, die Mousawi feiern: "Hoch lebe Aref, lang lebe Mousawi!"

Das reformorientierte Spektrum kann sich nun auf Ruhani konzentrieren und damit die Mobilisierungskräfte der Grünen Bewegung wieder stärker bündeln. Allerdings gibt es Gerüchte, der Wächterrat würde dessen Kandidatur in letzter Minute noch einmal überprüfen. Doch selbst wenn man Ruhani die Zulassung entzöge, ist es wenig wahrscheinlich, dass neue Proteste eine solche Dynamik entfalten würden wie vor vier Jahren – auch wenn Polizeigewalt, Zensur und Repressionen den Unmut in der iranischen Gesellschaft sicher nicht einfach aus der Welt geschafft haben.