Katar hat in den vergangenen Jahren mehr und mehr an Einfluss auf internationaler Bühne gewonnen. Dabei gibt das winzige Land aber vielen Rätsel auf: Der Däumling am Persischen Golf gehört zu den treibenden Kräften gegen Syriens Diktator Baschar al-Assad, unterhält gute Beziehungen zu Iran, Israel und Saudi-Arabien, fungiert als Moderator zwischen den afghanischen Taliban und den USA und unterstützt die schwankende Herrschaft von Ägyptens Muslimbrüdern mit Milliardensummen. Dank seiner enormen Gasvorkommen zählt Katar zu den reichsten Ländern der Welt, ist ökonomisch ein Riese, tanzt mit auf fast jedem diplomatischen Parkett und bleibt doch mit seinen 250.000 einheimischen Bewohnern demographisch ein Zwerg.

Seit 1995 an der Macht hat Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani in den letzten 18 Jahren aus der verschlafenen Halbinsel einen ökonomischen Riesen und diplomatischen Meisterjongleur gemacht. Am Dienstag nun will der 61-Jährige die Macht freiwillig, per königlichem Dekret und Fernsehansprache weitergeben – an den 33-jährigen Tamim bin Hamad al-Thani, den Viertgeborenen unter seinen Söhnen. "Der Emir ist überzeugt, dass er die nächste Generation fördern muss und junge Leute ins Kabinett berufen werden sollten", hieß es zur Begründung aus seiner Umgebung.

Der scheidende Herrscher leidet zudem unter schlechter Gesundheit und ist offenbar auch die Rangeleien in seinem über tausendköpfigen Herrscherclan satt. "Die einen feiern zu viel, die anderen beten zu viel", beschreibt ein Beobachter den internen Dauerzwist.

Der Schöpfer des modernen Katar hatte 1996 nach dem Vorbild der BBC den Nachrichtensender Al Jazeera aus der Taufe gehoben. Seit 1998 beherbergt der Wüstenstaat zudem das Hauptquartier der US-Truppen im Nahen Osten. Die Hauptstadt Doha stieg nach und nach zum politischen Gastgeber internationaler Treffen auf, nicht nur für die Welthandelsrunde, auch für die arabische Liga, den Golf-Kooperationsrat und die OPEC. 2022 wird hier zum ersten Mal die Fußball-WM in einem arabischen Land ausgetragen. Neun Stadien sollen bis dahin gebaut werden. Und für 40 Milliarden Dollar lässt sich das Golfemirat ein komplettes Metro- und Eisenbahnnetz installieren.

Hoffnungen auf einen demokratischen Wandel sollte man sich mit dem Wechsel an der Staatsspitze aber nicht machen. Katar hat weder ein Parlament, noch Parteien, weder eine Zivilgesellschaft, noch eine unabhängige Justiz. Kritische Blogger sind den Mächtigen ein Dorn im Auge. Das Buch Auch das Volk von Katar will Reformen des Intellektuellen Ali Khalifa al-Kuwari, der regelmäßig politische Salons in Doha veranstaltet, wurde verboten. Der Poet Muhammad al-Ajami erhielt wegen eines angeblichen "Aufrufes zum Umsturz" lebenslange Haft. Inzwischen wurde die Strafe des Dissidenten von dem abtretenden Emir auf 15 Jahre reduziert. Dabei lässt al-Thani über seinen Fernsehsender Al Jazeera anderen Staaten gerne Demokratie predigen.

Frommer Flügel der Herrscherfamilie

Thronerbe Tamim bin Hamad al-Thani stammt aus dem frommen Flügel der Familie, steht den Muslimbrüdern auffällig nahe und ist Vize-Kommandeur der Streitkräfte. Wie viele andere arabische Potentaten wurde er an der renommierten britischen Militärakademie Sandhurst ausgebildet. Er ist verheiratet mit zwei Frauen und hat sechs Kinder.

Als politischer Neuling übernimmt er das Kommando in rauen Zeiten, denn auch unter seinen Untertanen wächst die Unruhe über den Kurs des Landes. Immer mehr fürchten, dass Katars feudale Häupter im Nahen Osten längst in einer falschen diplomatischen Gewichtsklasse boxen und bald zu Boden gehen könnten. "Was haben uns die Milliarden an Waffenhilfe in Syrien gebracht?", zitiert der britische Economist jüngst ein katarisches Regierungsmitglied. "Wir haben Assad nicht gestürzt, aber vier Millionen Menschen obdachlos gemacht."