Die Fassaden sind von Einschusslöchern zersiebt, aus leeren Fensterhöhlen sprießen Sträucher: Die Folgen des Kriegs sind auf dem verödeten Werksgelände des Schuhproduzenten Borovo nördlich von Vukovar unübersehbar. Vor dem Kroatien-Krieg sei das Kombinat mit 23.000 Mitarbeitern eines der größten Unternehmen im damaligen Jugoslawien gewesen, berichtet Direktor Hrvoje Merki. Heute beschäftigt der Staatsbetrieb noch 993 Mitarbeiter, sitzt auf einem Berg von Schulden und hat um die Rückgabe einstiger Immobilien in den Nachfolgestaaten des zerfallenen Jugoslawien zu streiten.

In Europa würden leider kaum mehr Schuhe produziert, sagt der 38-jährige Betriebschef. Die großen europäischen Ketten, deren Konkurrenz Borovo schon jetzt spüre, böten fast nur Schuhwerk aus Fernost an. Trotz der zu erwartenden stärkeren Konkurrenz nach dem EU-Beitritt blicke er diesem "keineswegs pessimistisch" entgegen. Für Borovo werde es immer einen Platz auf dem Markt geben, sagt Merki: "Unsere Kunden sind treu und bereit, etwas mehr für in Kroatien gefertigte Qualitätsschuhe zu bezahlen."

Den EU-Optimismus des Fabrikdirektors in Kroatiens "Heldenstadt" unweit der Grenze zu Serbien teilt ein Großteil seiner Landsleute nicht. Laut Eurobarometer-Umfrage halten nur 31 Prozent der Kroaten die EU-Mitgliedschaft für eine "gute Sache": Zwei Drittel blicken ihr mit eher skeptischen oder gemischten Gefühlen entgegen. Beim Referendum Anfang 2012 stimmten zwar zwei Drittel für den Beitritt, doch ging nicht einmal jeder Zweite wählen. Noch geringer war das Interesse an Kroatiens ersten Europawahlen im April: Mit nur 20,8 Prozent Wahlbeteiligung haben sich die Kroaten noch vor dem Beitritt den Ruf als besonders lustlose EU-Neulinge eingehandelt.

Mit stählernem Händedruck begrüßt Kroatiens bekannteste EU-Kritikerin im Cafe des "Sabor", des Parlaments, in der Zagreber Oberstadt ihre Gäste. Beim Referendum hatte die frühere Polizistin Ruža Tomašić, Abgeordnete der rechten Splitterpartei HSP-AP, gegen den Beitritt gestimmt. Ein Jahr später wurde die resolute Rechtspolitikerin mit der landesweit zweithöchsten Stimmenzahl  zu einer der zwölf künftigen Europaparlamentarier des Landes gewählt. Sie sei keine EU-Skeptikerin, sondern "EU-Realist", versichert sie: "Wir sind für die EU nicht bereit. Denn wir treten nicht gleichberechtigt, sondern als armer Bittsteller bei."

"Immer von jemand anderem regiert"

Kroatiens Exporte deckten nicht einmal die Hälfte der Einfuhren, das Heer der Arbeitslosen habe sich auf fast 400.000 vergrößert, und die Wirtschaft liege am Boden, sagt die 55-Jährige. Für die Nutzung der Milliarden an "theoretisch" bereit stehenden EU-Strukturbeihilfen sei die Verwaltung des Landes "viel zu bürokratisch". Kroatien sei "immer von jemand anderem" regiert worden, "und nun erwarten wir erneut, dass uns jemand erzählt, was wir tun sollen", klagt sie bitter: "Nach dem 1. Juli werden wir sehen, dass unser Lebensstandard nicht von der EU abhängt, sondern von uns. Die Kroaten sind ein fleißiges Volk – und müssen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen."

Schrille Trillerpfeifen schallen über die Ilica-Straße. Am mangelnden Fleiß liegt es nicht, dass die braun gebrannte Näherin Visnja aus dem 35 Kilometer entfernten Dorf Brckovljani seit Wochen mit ihren Kolleginnen täglich demonstrierend über die Straßen der Hauptstadt zieht. Seit vier Monaten hätten die 100 Mitarbeiter der nun für bankrott erklärten Textilfirma DTR ihre kargen Gehälter von 300 Euro nicht mehr ausbezahlt bekommen, berichtet sie: "Laut Gesetz haben wir darauf Anspruch, aber das schert hier niemanden." Hoffnung auf bessere Zeiten durch den EU-Beitritt hegt Visnja nicht. Die Regierung verkünde zwar, nun kämen die Investoren und schüfen neue Arbeitsplätze: "Aber ich bezweifle das. Überall ist Krise, und die kleinen Leute sind die Verlierer: Die Arbeitslosigkeit ist hoch – und die Firmen machen in ganz Europa mit den Leuten, was sie wollen."