Ich bin enttäuscht, empört und entsetzt. Ich bin enttäuscht von Präsident Barack Obama, den ich gewählt und in den ich so viel Hoffnung gesetzt habe. Ich bin enttäuscht von meiner amerikanischen Heimat, die ihr Volk verrät. Mein Patriotismus, meine Liebe zu und mein Glaube an Amerika wurden verraten.

Das waren jedenfalls meine ersten Gedanken, als ich vergangene Woche erfuhr, dass die aufgeblähte Sicherheitsbehörde NSA aufgrund des bis 2015 gültigen Patriot Act ganz legal und im großen Stil die Metadaten (also Telekommunikationsverbindungsdaten) von amerikanischen Telefonierern sowie von amerikanischen und ausländischen Nutzern von Facebook und Google sammelt und auswertet – egal ob es sich um Terroristen handelt oder um ganz normale Bürger.

Ist das noch die Demokratie, die ich liebe? Ist das überhaupt noch Demokratie?

Ein paar Tage später geht es mir immer noch so. Aber ein weiteres Gefühl hat sich hinzu gesellt, ein noch unangenehmeres: der schleichende Verdacht, dass ich ein Heuchler bin.

Ich bin ein Kind der Siebziger. Ich bin mit Vietnam, der heimlichen Bombardierung von Kambodscha und Watergate aufgewachsen. Für mich gibt es nichts Schlimmeres als einen Staat, der seine zweifelhafte Politik vor seinen Bürgern verheimlicht. Für mich sind Bürgerrechte mit dem Demokratie-Gedanken eng verwoben.

Sind Bürgerrechte mit Terrorprävention vereinbar?

Wenn ich mich recht entsinne, wurde der Begriff Bürgerrechte damals vor allem dann verwendet, wenn es um den Schutz der Bürger vor dem Staat ging – meist ging es um Schutz vor Polizeigewalt. Heute darf die Polizei nicht mehr einfach so in jede Wohnung eindringen und nicht jedes Telefonat abhören.

Beim Kampf gegen den internationalen Terror geht es aber – in Amerika wie in Deutschland – nicht um die Aufklärung bereits verübter Verbrechen, sondern um die Prävention künftiger Anschläge. Dafür wurden unsere Gesetze zu Bürgerrechten und Privatsphäre nicht gemacht.

Vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit, die hehren Ideale der Siebziger infrage zu stellen und zu diskutieren, was wir wirklich wollen: Schutz vor realem Terrorismus oder das abstrakte Recht, dass unsere Telefonnummer nicht in einem Computer irgendwo gespeichert wird. Wenn uns die Bürgerrechte wirklich so wichtig sind, dann muss bitte der Patriot Act weg. Die meisten Amerikaner aber, das ahne ich, wollen tief im Herzen, dass er bleibt.