Auf einem der teuersten Quadratmeter der Welt sitzt Peter de la Peña vor seinem Zelt. Es ist die Straße Avenida Delfim Moreira in Leblon, dem nobelsten Viertel Rio de Janeiros. De la Peña reibt sich die Augen und schlürft einen Orangensaft. Die vergangene Nacht hat der 22-jährige Theaterschauspieler hier verbracht, zusammen mit etwa 150 anderen jungen Frauen und Männern. In dieser Straße wohnt Sérgio Cabral, Gouverneur des Staates Rio de Janeiro. Über den sind de la Peña und die anderen verärgert, deswegen haben sie die Straße besetzt. Aber ein wütender Protest ist es nicht, die Leute unterhalten sich, hören Musik, gestalten Schilder. "Gestern Nacht und heute Morgen war die Polizei hier, aber es ist nichts passiert. Einige haben sogar mit uns Kuchen gegessen", sagt de la Peña. Auch mit Cabral will er gern reden. "Ich würde ihn fragen, warum das Maracanã-Stadion so viele Steuergelder gekostet hat und warum es jetzt privatisiert wird."

Cabral ist seit 2006 Gouverneur. 2010 wurde er mit 66 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Doch für die Protestler ist er mittlerweile das Feindbild. Viele der Plakate zeigen sein Konterfei mit zwei Teufelshörnern verziert, zahlreiche Slogans richten sich gegen ihn  persönlich. Sie werfen ihm vor, dass der Staat zwar Hunderte Millionen in die Infrastruktur investiere, diese aber nur einen möglichst reibungslosen Ablauf der kommenden Großereignisse garantieren sollen, ohne die Lebensqualität wirklich zu verbessern. Doch die Konzentration auf Cabral zeigt auch auf, was vielen der Demonstranten mittlerweile Sorgen bereitet. Dass sich die Proteste in viele kleine Gruppen aufspalten, die sich auf lange Sicht im Sande verlaufen.

Noch scheint die Stärke der Bewegung zwar ungebrochen. Allein in Belo Horizonte, Schauplatz des Confed-Cup-Spiels zwischen Japan und Mexiko, gingen 60.000 Menschen auf die Straße, in São Paulo 35.000 und in Santa Maria waren es 30.000, fast ein Zehntel der Bevölkerung der Stadt im Süden Brasiliens. Doch wofür, das wird immer diffuser. Die einen demonstrieren für eine bessere Bildung, die anderen für bessere Transportsysteme. Einige halten Plakate gegen Korruption in die Luft, andere für mehr Rechte für Schwule und Lesben. Oder sie richten sich gegen lokale Politgrößen wie eben in Rio Sérgio Cabral. Die meisten Demonstranten im 2.200 Kilometer entfernten Fortaleza werden aber kaum wissen, wer das ist.

"Wir müssen uns organisieren, müssen Vertreter haben, müssen Ziele setzen und uns bemühen, sie eins nach dem anderen zu erreichen. Es hilft nichts, 300.000 Menschen auf den Straßen zu haben, wenn einige kostenlosen öffentlichen Nahverkehr haben wollen und andere einen reduzierten Fahrpreis", sagt etwa der 19-jährige Deutschstudent Renan Monteiro Marques aus Rio. "Wir müssen der Regierung Vorschläge machen, sonst machen wir viel Lärm um nichts."

Offenbar spürend, dass die fehlende Einheit unter den Protestlern die Stärke des Protests schwächen könnte, hat die Aktivistengruppe Anonymous Brasil ein Video veröffentlicht. Darin werden fünf Gründe für den Protest genannt. 

1. Nein zu PEC-37

Was sich für deutsche Ohren wie ein Flugzeugtyp anhören mag, ist ein in Brasilien heiß diskutiertes Gesetz, das der Kongress verabschieden wollte. Es würde dem sogenannten Ministério Público, ein aus unabhängigen Staatsanwälten gebildetes Institut, seine Möglichkeiten der Strafverfolgung entziehen. Das würde bedeuten, dass die Polizei die Hoheit über alle Kriminalermittlungen hätte, einschließlich denen, die die Regierung betreffen. Viele Menschen halten die Polizei aber für hochgradig korrupt und PEC-37 für einen Versuch der Politiker, sich praktisch komplette Immunität zu verschaffen. Einen Teilerfolg haben die Demonstranten schon errungen: Das Gesetz sollte eigentlich am 26. Juni durchgewinkt werden, jetzt wurde der Termin auf unbestimmte Zeit vertagt.

Fünf Forderungen sollen Einheit schaffen

 2. Sofortiger Rücktritt des Senatspräsidenten Renan Calheiros

2011 wurde Renan Calheiros zum dritten Mal zum Senatspräsidenten gewählt. Immer wieder wurde ihm Korruption und Veruntreuung vorgeworfen. Schon einmal, 2007 musste er deswegen zurücktreten.

3. Sofortige Untersuchung der finanziellen Unregelmäßigkeiten bei Ausgaben für die WM 2014

Schon jetzt gilt die Weltmeisterschaft 2014 als teuerste der Geschichte. Auf 10 Milliarden Euro sollen sich die Gesamtkosten belaufen. Einige Untersuchungen der Stadionbauten weisen daraufhin, dass es zahlreiche Budgetüberschreitungen gab und Arbeiten bezahlt wurden, die nie ausgeführt wurden.

4. Ein Gesetz, das Korruption im Kongress kriminalisiert

Juristische Personen können in Brasilien bisher zivil und administrativ, aber nicht kriminell belangt werden. Ausnahme war der Mensalão-Fall, im Zuge dessen einige Kongressmitglieder zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.

5. Auflösung des "Forum der Privilegierten"

Das Forum der Privilegierten stammt noch aus den Zeiten als Brasilien eine portugiesische Kolonie war. Kriminalprozesse werden politischen Autoritäten nicht in normalen Strafverfahren, sondern innerhalb dieser Institution gemacht. Für die Demonstranten ist das ein Widerspruch zum 5. Artikel der brasilianischen Verfassung, dass vor dem Gesetz "alle Menschen gleich" sind.

Ob die Protestierenden sich auf diese fünf Forderungen einigen können, bleibt fraglich. Denn bislang hat sich keine zentrale Führungsfigur- oder Partei herausgebildet. Von Führern und Parteien haben die meisten in der Bewegung genug. Immerhin: An diesem Sonntag sollen am Strand der Copacabana mehr als 30.000 auf die Straßen gehen, nur gegen das PEC-37. Doch mit Sicherheit werden auch dort wieder Plakate von Sérgio Cabral zu sehen sein, mit zwei Hörnern auf dem Kopf.