Erst mit Tränengas auf Demonstranten schießen, dann mit ihnen sprechen? So lässt sich kein Konsens finden. Der türkische Premier hat sich als unberechenbar und listenreich erwiesen.

Recep Tayyip Erdoğan hatte am Montag ankündigen lassen, dass er mit den Repräsentanten des Protests im Gezi-Park sprechen wolle. Ganz gleich, ob er es vielleicht noch tut: In den Augen der Demonstranten und vieler Türken hat er das Versprechen gebrochen, als er die Polizei am Dienstag den Taksim-Platz angreifen ließ. Viele Demonstranten halten ihn spätestens seit der letzten Nacht für einen autoritären Herrscher, dem alles zuzutrauen ist. Er wird nur noch auf tiefes Misstrauen bei den Demonstranten stoßen.

Doch Misstrauen herrscht auch bei der AK Parti von Erdogan vor. Im engsten Kreis um den Premierminister glaubt man nicht an das Motiv der Demonstranten, Bäume schützen zu wollen. Man hält sie für bezahlt und gedungen. Von der internationalen Zinslobby, die von hohen Zinsen und einer schwachen Lira profitieren wolle. Vom finsteren Ausland, das der Türkei ihren Erfolg nicht gönne. Von der kemalistischen Opposition, die gegen alles sei, was die AK Parti mache. Verschwörungstheorien machen die Runde in der Partei und bei den Demonstranten, der politische Gegner erscheint als Feind, mit dem man keinen Kompromiss schließen kann.

Warum aber will Erdoğan partout nicht auf die gemäßigten Demonstranten zugehen, die zu Wochenbeginn ihre moderaten Forderungen ganz auf den Erhalt der Bäume und die Untersuchung der Polizeiaktionen beschränkt hatten? 

Es ging nicht nur um die Bäume im Gezi-Park

In der Sicht eines nüchtern denkenden AKP-Manns klingt das so: "Erdoğan hat die vielen Versuche, ihn in den vergangenen zehn Jahren mit unlauteren Mitteln zu stürzen, nicht vergessen", sagt der AKP-Rechtsexperte Mustafa Ünal. An den Protest gegen ein Einkaufszentrum hätten sich viele Gruppen angehängt, denen es nicht um Bäume, sondern um Erdoğan ginge.

Doch sei der Premier eben kein Politiker, der in einem solchen Kampf der Straße nachgeben würde, sagt Ünal. "Der Mann steht für etwas ein und lässt nicht locker." So würde er jetzt auch in der Gezi-Park-Frage handeln. Das Projekt sei von allen Parteien im Stadtrat verabschiedet worden. Jetzt wolle Erdogan diesen "Beschluss umsetzen", sagt Ünal, der mit Erdogan auf dieselbe Schule in Istanbul gegangen ist.

Bleibt die Frage, wie viel Erdoğan dieser Beschluss wert ist. Seinen Anhängern will er zeigen, dass er kraftvoll durchhält. Am Wochenende will er sie zu Riesendemonstrationen in Ankara und Istanbul zusammenrufen. Die Gegner werden sich im Gezi-Park oder anderswo treffen, wenn die Polizei wieder zuschlägt. Darüber kann die bis Anfang der Woche bestehende Chance auf einen Ausgleich verlorengehen.

Die Ruhe, die der Türkei in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung, politische Stabilität und die Aussicht auf Frieden mit den Kurden bescherte, wird so schnell nicht zurückkehren. Nun misstraut jeder jedem.