Bei den Protesten gegen die türkische Regierung ist Medienberichten zufolge ein weiterer Demonstrant getötet worden. Ein Unbekannter habe einem 22-Jährigen in der Stadt Antakya im Süden des Landes in den Kopf geschossen, meldete der Nachrichtensender NTV unter Berufung auf den Gouverneur der Provinz Hatay. Anschließend sei der Mann im Krankenhaus an seinen Verletzungen gestorben. Er soll Mitglied der laizistischen Opposition gewesen sein.

Teilnehmer des Protests berichteten, der Mann sei von der Polizei getötet worden. Bestätigt wurden diese Angaben nicht. Er ist das zweite Todesopfer der seit Freitag andauernden Proteste. Am Sonntag starb ein Demonstrant in Istanbul , als ein Autofahrer seinen Wagen in eine Gruppe von Protestierenden steuerte. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen und Ärzteverbänden wurden bislang mehr als 1.700 Menschen verletzt. Die türkische Regierung sprach dagegen von 173 Verletzten.

In Istanbul und Ankara setzte die Polizei auch in der Nacht zum Dienstag Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstranten ein. Dabei soll es erneut Verletzte gegeben haben. In Ankara schossen Polizisten nach Angaben von CNN-Türk mit Gummigeschossen auf Protestierende. Im europäischen Teil von Istanbul errichteten Demonstranten Barrikaden und entzündeten Feuer. In beiden Metropolen gab es Kundgebungen mit Tausenden Teilnehmern, auch in anderen Städten kam es zu Straßenkämpfen.

Erdoğan hält Protest für bald erledigt

Die Proteste hatten sich zunächst gegen die Errichtung eines Einkaufszentrums in Istanbul und die damit verbundene Zerstörung des Gezi-Parks gerichtet. Mit aller Gewalt wollte die Polizei die Demonstration unterbinden, sie ging mit Tränengas, Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen die auf dem Taksim-Platz versammelten Menschen vor. Daraufhin richtete sich der Protest immer mehr gegen die konservative türkische Regierung und den von vielen als autoritär empfundenen Führungsstil von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan . Der Protest hat inzwischen das ganze Land erfasst, in 48 Provinzen kam es zu Demonstrationen. Vom Taksim-Platz haben sich Polizei und Militär mittlerweile zurückgezogen . Einige Demonstranten halten hier noch immer die Stellung.

Ungeachtet der Proteste brach Erdoğan am Montag zu einer Reise nach Nordafrika auf. Wenn er zurückkehre, seien "die Probleme erledigt", sagte er. Den Demonstranten drohte Erdoğan erneut. Der türkische Geheimdienst sei inländischen und ausländischen Gruppen auf der Spur, mit denen noch abgerechnet werde, sagte er. Der Protest gegen ihn und seine Regierung sei von Extremisten organisiert. Vergleiche mit den Volksaufständen des Arabischen Frühlings wies Erdoğan zurück. "Wir haben schon einen Frühling in der Türkei . Einige versuchen aber, diesen in einen Winter zu verwandeln. Sie werden keinen Erfolg haben." Seine Partei habe das Volk hinter sich.

Staatspräsident Abdullah Gül hatte sich zuvor versöhnlicher gezeigt . "Demokratie bedeutet nicht allein, Wahlen zu haben", sagte er. Unterschiedliche Meinungen müssten geäußert werden, aber mit gegenseitigem Respekt. "Wir leben in einer offenen Gesellschaft." Der Vorsitzende der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP), Kemal Kılıçdaroğlu, forderte angesichts der Gewalt im ganzen Land ein Eingreifen von Gül.

Das harte Vorgehen der türkischen Sicherheitskräfte hatte international Kritik ausgelöst. Deutschland, die Europäische Union und die USA äußerten sich besorgt. Der frühere Vizepräsident der EU-Kommission, Günter Verheugen, forderte Berlin und Brüssel auf, deutliche Worte zu finden. Ankara müsse klargemacht werden, "dass zur Demokratie auch Toleranz gegenüber Andersdenkenden sowie Meinungs- und Versammlungsfreiheit gehören", sagte er. Er sprach von "bürgerkriegsähnlichen Szenen".