Der entmachtete ägyptische Staatschef Mohammed Mursi befindet sich in Gewahrsam der Armee. Mursi werde "vorsorglich" festgehalten, sagte ein ranghoher Armeevertreter. Gehad al-Haddad, ein ranghohes Mitglied der Muslimbrüder und Sohn von Mursis nationalem Sicherheitsberater Essam al-Haddad, sagte, Mursi sei von seinen Getreuen getrennt und ins Verteidigungsministerium in Kairo gebracht worden. Ein Sprecher der Muslimbrüder erklärte, auch Essam al-Haddad sei festgesetzt worden.   

Die Armee ging auch gegen Mursis Muslimbrüder vor. Nach übereinstimmenden Angaben aus Sicherheitskreisen und der Partei der Muslimbruderschaft "Freiheit und Gerechtigkeit" wurden Parteichef Saad al-Katatni sowie einer der Vizechefs der Bruderschaft, Raschad al-Bajumi, in der Nacht zum Donnerstag verhaftet.

Der Zeitung Al-Ahram zufolge wurden Haftbefehle gegen insgesamt 300 Mitglieder der Bruderschaft ausgestellt. Auch die staatliche Nachrichtenagentur Mena meldete, die Sicherheitskräfte seien dabei, eine Reihe von Funktionären der islamistischen Partei zu verhaften, die zu Gewalt aufgerufen hätten und die "öffentliche Sicherheit und Frieden" gefährdeten.

Soldaten drangen auch in das Kairoer Studio des Senders Al Jazeera ein und nahmen nach Angaben von Journalisten des Senders fünf Mitarbeiter fest. Die Berichterstattung des von Kritikern als islamisten-nah beschriebenen Senders über eine Pro-Mursi-Demonstration sei unterbunden und die Berichterstatter vor Ort ebenfalls verhaftet worden.

Jubel auf dem Tahrir-Platz

Nach der Fernsehansprache von Armeechef Abdel Fattah al-Sissi um 21.20 Uhr, in der er Mursi für abgesetzt erklärt hatte, wurden Feuerwerkskörper vom Tahrir-Platz in den Nachthimmel geschossen, Millionen von Demonstranten gegen den islamistischen Präsidenten feierten im ganzen Land. Soldaten hatten zuvor strategische Punkte in Kairo und anderen Städten besetzt; Kundgebungen von Anhängern Mursis wurden umstellt. Auf dem Tahrir-Platz und anderen Zentren der Rebellion gegen Mursi blieb es friedlich – die Menschen feierten ihren Erfolg nach vier Tagen Massenprotesten, deren Größe sogar die gegen den langjährigen Machthaber Hosni Mubarak 2011 übertrafen.

Mindestens 14 Tote bei Zusammenstößen

Aber bei Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern des entmachteten Präsidenten starben in der Nacht landesweit mindestens 14 Menschen. Allein in der nordägyptischen Stadt Marsa Matruh kamen Sicherheitskräften zufolge acht Menschen ums Leben. Tote gab es auch in der Hafenstadt Alexandria und im südägyptischen Minja.

In Kairo berichteten Sprecher der Muslimbruderschaft der Nachrichtenagentur Reuters, dass zivil gekleidete Männer das Feuer auf eine Versammlung von Pro-Mursi-Demonstranten eröffnet hätten. Viele der rund 2000 Menschen, die sich vor einer Moschee in einem Vorort der Metropole versammelt hätten, hätten gebetet, als die Unbekannten das Feuer eröffnet hätten. Es habe mehrere Opfer gegeben. Ein anderer Sprecher der Islamisten sagte Reuters, bei dem Überfall hätten Bewaffnete Brandsätze in die Menge geschleudert und das Feuer aus Gewehren eröffnet. Von Reuters befragte Anwohner bestätigten diese Angaben nicht, möglicherweise sei in die Luft gefeuert worden, sagte einer von ihnen.

Skepsis bei den USA

Die internationalen Reaktionen auf den Umsturz waren von Vorsicht gekennzeichnet. Wie die USA zeigten sich zwar auch die Vereinten Nationen besorgt, vermieden aber eine klare Verurteilung der Entmachtung des demokratisch ins Amt gekommenen Mursi. US-Präsident Barack Obama erklärte, er sei tief besorgt und forderte eine rasche Rückkehr zu einer demokratisch gewählten Regierung. Er erwarte von der ägyptischen Armee, dass sie in der Übergangszeit bis zur Rückkehr zu einer gewählten Regierung die Rechte aller Bürger einschließlich des Rechts auf friedliche Demonstrationen respektiere.

Obama erklärte weiter, er habe angeordnet zu überprüfen, ob der Sturz Mursis durch das Militär Konsequenzen für die US-Unterstützung für die ägyptische Armee haben müsse. Er spielte damit offenbar auf US-Gesetze an, nach denen die militärische Unterstützung für Ägypten gestoppt werden muss, wenn eine demokratisch gewählte Regierung durch einen Militärputsch gestürzt wird. Die USA unterstützen das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt jährlich mit 1,5 Milliarden Dollar, der Großteil davon geht an die ägyptische Armee.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte sich ähnlich: Viele Ägypter hätten bei ihren Protesten legitime Sorgen und tiefe Enttäuschung geäußert, sagte er in New York. Gleichzeitig sei eine militärische Einmischung in die Angelegenheit eines jeden Staates Grund zur Beunruhigung, erklärte Ban.