Schneller hat in Ägypten wohl noch niemand Karriere gemacht. Erst seit Montag stand Adli Mansur an der Spitze des Verfassungsgerichts, ernannt von Mohammed Mursi. Drei Tage später stieg er per Amtseid, abgelegt vor seinen zehn Richterkollegen, zum Übergangspräsidenten Ägyptens auf und Nachfolger seines per Militärputsch abgesetzten Förderers. In einer kurzen Ansprache, mehrfach vom Applaus des Publikums unterbrochen, pries der 67-Jährige die Armee als das "Gewissen der Nation" und nannte den 30. Juni einen "glorreichen Tag". Ausdrücklich bedankte er sich bei den Medien, weil sie "die Untaten des bisherigen Regimes aufgedeckt" hätten.

Seit der Oberbefehlshaber von Ägyptens Streitkräften, General Abdel Fattah al-Sisi, am Mittwochabend seinen "Fahrplan für die Zukunft" verkündete, steht mit Mansur plötzlich ein Mann in der Weltöffentlichkeit, der sein Leben lang in der zweiten Reihe gearbeitet hat.

Seit Jahren war er einer der drei Vizepräsidenten des Höchsten Gerichts Ägyptens. In dieser Funktion war er beteiligt an der Auflösung des ersten demokratisch gewählten Parlaments im Juni 2012. Auch schrieb er beim jüngsten Urteil des Verfassungsgerichtes mit, welches die Verfassungsgebende Versammlung und den Schura-Rat, die zweite Kammer des Parlaments, im Nachhinein für verfassungswidrig erklärte und damit das von Muslimbrüdern und Salafisten durchgepeitschte Grundgesetz endgültig delegitimierte.

Mit diesen Entscheidungen etablierte sich das Verfassungsgericht im Institutionengefüge des ägyptisches Staates rasch zum wichtigsten Gegenspieler des islamistischen Präsidenten. Kein Wunder also, dass nicht nur die Rebellenbewegung Tamarod und die Nationale Rettungsfront der Oppositionsparteien, sondern auch die Militärführung auf die Idee kam, die Geschicke Ägyptens bis zur Wahl eines neuen Staatschefs in die Hand des Obersten Richters zu legen. Praktische politische Erfahrung hat Mansur allerdings nicht.

Im Dezember 1945 in Kairo geboren, studierte er an der Kairoer Universität Jura und Verwaltungswissenschaft. 1977 beendete der Vater dreier Kinder die École nationale d’administration in Frankreich und arbeitete anschließend beim ägyptischen Staatsrat, der die Verwaltungsgerichte überwacht. 1992 wurde er von Hosni Mubarak zum Verfassungsgericht berufen. Heute ist er mit mehr als 20 Jahren Berufspraxis der erfahrenste Verfassungsrichter Ägyptens. Als Rechtsexperte war Mansur an der Ausarbeitung des Wahlgesetzes für die Präsidentenwahl 2012 beteiligt, die Mursi in der zweiten Runde mit gut 13 Millionen Stimmen ins Amt brachte. Nun soll er nach dem Willen des Militärrats auch das neue Gesetz konzipieren, mit dem eines Tages Mursis regulärer Nachfolger gewählt werden soll.