Die zwei Welten Ägyptens liegen höchstens zehn Kilometer auseinander. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo feiern sich die selbst ernannten Zweiten Revolutionäre und huldigen ihrem neuen Idol, Armeechef Abdel Fattah al-Sissi. Jubelschreie mischen sich in den Rotorenlärm der graugrünen Kampfhubschrauber, die im Tiefflug über die Menge ratterten. "Mursi, Mursi" hallt es nur wenige Kilometer entfernt durch das riesige Zeltlager der Muslimbrüder in Nasr City. Man werde erst weichen, wenn Doktor Mohammed Mursi wieder rechtmäßiger Präsident Ägyptens ist, tönt es unablässig aus den Lautsprechern.

Wie in zwei riesige feindliche Heerlager geteilt steht sich Ägyptens Bevölkerung inzwischen gegenüber. Jede Hälfte möchte die andere am liebsten aus dem Land werfen. Die gegenseitige Dämonisierung hat längst Züge einer Massenhysterie angenommen. Bis zum späten Abend gab es bei Krawallen in Alexandria, Kairo und Damietta mindestens fünf Tote und 70 Verletzte. "Die Armee muss den Terror ausrotten" hängt als Riesenbanner quer über dem Tahrir-Platz. An allen Zugangsstraßen sind gepanzerte Fahrzeuge der Armee postiert. Den ganzen Tag über strömten Hunderttausende zusammen, um ihrem Armeechef das vor zwei Tagen von ihm eingeforderte Volksmandat gegen "Terroristen und Gewalt" zu erteilen.

Dass damit die Muslimbrüder gemeint sind, daran lässt hier niemand einen Zweifel. Devotionalienhändler bieten den neuen Nationalhelden in Generaluniform inzwischen in vielen Variationen an: Sissi mit Nasser, Sissi mit Sadat, Sissi mit dem koptischen Papst. Nur Sissi mit Mubarak gibt es noch nicht im Programm. 

Die Armee hatte am Donnerstag den Ton noch einmal verschärft und der Muslimbruderschaft ein Ultimatum als "die letzte Chance" gestellt. Entweder die Islamisten würden bis Freitagabend "dem Start der Nation in die Zukunft" beitreten, oder man werde die bisherige Strategie ändern, hieß es sybillinisch-drohend. Obendrein erließ Ägyptens Justiz am Freitag erstmals einen Haftbefehl gegen den seit drei Wochen weggesperrten gestürzten Staatschef Mohammed Mursi und nahm ihn in Untersuchungshaft. 

Ägyptens Armee sucht im Machtkampf mit den Muslimbrüdern jetzt die volle Konfrontation. Daran können auch Mahnungen des UN-Generalsekretärs Ban Ki Moon und westlicher Staatschefs nichts ändern, ebenso wenig ein Lieferstopp für US-Waffen. In dem von Sissi inszenierten Militärrausch bleiben zudem Übergangspräsident und Übergangsregierung nur noch die Rollen schweigender Statisten. 

Die Sprecher der Jugendbewegung Tamarod wiederum geben sich einer Jubelrhetorik hin, die selbst zu Zeiten des früheren autoritären Präsident Hosni Mubarak übertrieben gewirkt hätte. Und neben den Feinden im Inneren haben sie auch die Gegner im Äußeren ausgemacht. "Katar, Türkei, USA und Deutschland sind die Feinde Ägyptens", heißt es auf Plakaten einiger. Grund dafür sind Forderungen aus Washington und Berlin, Mursi freizulassen. Das gilt für sie als Verrat. Und jeder, der den 3. Juli einen Militärputsch nennt, meint es in ihren Augen ebenfalls nicht gut mit Ägypten. "China und Russland werden uns helfen, wir brauchen Amerika nicht mehr", trompetet Fathi Hamdi, der im Nildelta ein kleines Textilgeschäft besitzt.