"Ägypten", schreit der glatzköpfige Mann durch das heruntergelassene Autofenster. "Ägypten", schallt es aus fünf heiseren Männerkehlen vom Rücksitz zurück. Die Flagge, die sie aus dem schwarzen Audi strecken, flattert noch einmal im warmen Wind. Dann entschwinden die Männer im Auto in die Ferne. Und sofort umhüllen erneut Freudenschreie und Hupsignale das nächtliche Treiben in Kairo, in der Ferne zerreißt rotes und grünes Feuerwerk den pechschwarzen Himmel. Es ist der Soundtrack des Aufbruchs.

"Wir haben Mursi heute wirklich besiegt", sagt Nagy Mohammed, ein stämmiger Mann mit schütterem Haar, als könne er es noch immer nicht fassen. Der 42-jährige Ingenieur hockt auf einer Treppenstufe, zieht in kurzen Abständen an einer Zigarette, pustet den Rauch mit geschlossenen Augen in die Luft. Hier, in Zamalek, einem aufgeräumten Stadtteil auf einer Nil-Insel im Zentrum Kairos, bevölkern in dieser Mittwochnacht strahlende Menschen die zahlreichen Cafés, fläzen auf den Bürgersteigen und stimmen auf dem Asphalt und unter Eukalyptusbäumen Lieder wie Let it be an.

Vor wenigen Stunden erst hat das Militär Präsident Mohammed Mursi aus dem Amt gehoben und die politische Kontrolle in Ägypten übernommen. Seither befindet sich ein großer Teil des Landes am Nil im Freudentaumel. Hunderttausende feiern auf dem Tahrir-Platz und vor dem Präsidentenpalast in Kairo, in Sprechchören skandieren sie: "Misr el Horreya." Freiheit für Ägypten.

"Die neue Regierung muss jetzt schnell die Misere beseitigen, die die Muslimbrüder über uns gebracht haben. Wir alle brauchen Arbeit, Geld, Benzin und Stabilität", sagt der Ingenieur Mohammed. Er zieht noch einmal an seinem Zigarettenstummel und grinst breit. "Wir suchen jetzt den Superpräsidenten."

In einem Café ein paar Meter weiter haben Ahmed Said und Sherif Abdel ein holzverkleidetes Backgammon-Spiel vor sich aufgebaut. Seit Minuten sind die Würfel unberührt. Die zwei Männer um die 30 sind in eine Diskussion vertieft. "Das war kein Militärputsch", sagt Ahmed Said, Kastenbrille, Locken. "Die Armee hat nur auf den Willen des Volkes gehört."

Seit Generalstabschef Abdel Fattah al-Sisi am Abend eine Übergangsregierung unter dem Vorsitz von Adli Mansur, dem Chef des Verfassungsgerichts, ausgerufen und rasche Neuwahlen angekündigt hat, wird in den ägyptischen Medien und auf der Straße nichts so hitzig diskutiert, wie die Rolle der Armee. In den Jubel über deren Eingreifen mischen sich immer stärker auch kritische Stimmen. Mursi sei immerhin der erste frei gewählte Präsident Ägyptens gewesen. Die Aushebelung der demokratischen Strukturen bedeute einen Rückschritt. "Wir stürzen einfach einen gewählten Präsidenten? Wir begrüßen das Militär wie eine Heilsarmee? Das ist doch ein Armutszeugnis für die Opposition", sagt Saids Backgammon-Partner Sherif Abdel und schiebt energisch die Shisha zur Seite.

"Gewählter Präsident?", ruft ein junger Mann herüber, der am Nachbartisch mit seiner Freundin Tee trinkt. "Wir konnten 2012 zwischen den Islamisten und den alten Schergen von Mubarak wählen. Das war eine Wahl zwischen Pest und Cholera." Viele hätten sich für Mursi entschieden, weil sie das alte System leid gewesen seien. "Mursi mag demokratisch gewählt worden sein. Sein Amt hat er alles andere als demokratisch ausgeführt", fügt er hinzu.