Das ägyptische Militär soll gegen Präsident Mohammed Mursi sowie gegen mehrere führende Mitglieder der islamistischen Muslimbruderschaft ein Ausreiseverbot verhängt haben. Die Anordnung stehe im Zusammenhang mit ihrer mutmaßlichen Verwicklung in einen Gefängnisausbruch im Jahr 2011, hieß es aus Sicherheitskreisen. 

Vertreter des Flughafens in der Hauptstadt Kairo bestätigten der Nachrichtenagentur AFP, es gebe eine Anordnung, Mursi und führende Muslimbrüder, darunter ihren obersten Führer Mohammed Badie und seinen Stellvertreter Chairat al-Tschater, an Auslandsreisen zu hindern.   

Augenzeugen berichteten aus Kairo, dass die Armee auf dem Weg zum Präsidentenpalast sei. Hunderte Soldaten seien Nahe des Präsidentenpalastes aufmarschiert. Mehrere gepanzerte Fahrzeuge waren zu sehen . Mehrere zentrale Brücken sowie Hauptstraßen Kairos sollen ebenfalls von der Armee besetzt worden sein, unter anderem die Brücke zur Universität , wo sich Anhänger Mursis versammelt haben. In der Nähe der Universität soll es zu Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern gekommen sein, die von der Armee beendet wurden.

Die staatliche Zeitung Al-Ahram berichtete, die Panzer seien ausgefahren, "um in den nächsten Stunden Gewaltakte zu verhindern, die die nationale Sicherheit bedrohen könnten". 

Gehad al-Haddad , der Sprecher der Muslimbruderschaft, sprach bei Twitter von einem Militärputsch, der im Gange sei. Auch ein Berater des Präsidenten schrieb auf seiner Facebookseite von einem Putsch der ägyptischen Armee. In jedem Falle werde es "beträchtliches Blutvergießen" geben.

Augenzeugen berichteten auch von Panzern, die am Tahrir-Platz auffahren , wo sich Zehntausende Gegner Mursis versammelt haben. Dort herrschte tagsüber feierliche Stimmung – viele rechneten mit dem Sturz des Präsidenten. Mursis Unterstützer kamen im Stadtteil Nasr-City zusammen. 

Ultimatum bis zum Nachmittag

Die Armeeführung hatte den Präsidenten aufgefordert, bis Mittwochnachmittag einen Weg aus der Krise zu finden. Andernfalls werde das Militär eingreifen und einen politischen Fahrplan für das Land umsetzen. Seit Tagen protestieren Zehntausende gegen Mursi und die regierenden Muslimbrüder, die ihrerseits zu Tausenden für ihren Präsidenten demonstrierten. Bei Zusammenstößen zwischen beiden Seiten kamen seit Sonntag mindestens 39 Menschen ums Leben.  

Die ägyptische Nachrichtenagentur Mena hatte gemeldet, die Generäle wollten nach Ablauf des Ultimatums die Verfassung aussetzen, das von Islamisten dominierte Parlament auflösen und einen Übergangsrat einsetzen, der vom höchsten Richter des Landes geleitet werden solle.

Mursi hatte seinerseits die Bereitschaft zur Bildung einer nationalen Koalition erklärt und die Armee vor einem Eingreifen gewarnt. Eine Regierung aus allen politischen Kräften und insbesondere die Jugendbewegung könne vorgezogene Parlamentswahlen vorbereiten und Verfassungsänderungen ausarbeiten. Einen Rücktritt hatte der Präsident erneut ausgeschlossen.

Seit mehreren Tagen erschüttern massive Proteste für und gegen Mursi das Land. Die Protestbewegung kritisiert den Präsidenten wegen seines autoritären Führungsstils, einer fortschreitenden Islamisierung im Land und auch wegen einer dramatisch verschlechterten Wirtschaftslage. Mursis Anhänger sehen die Krise als ideologischen Machtkampf – für oder gegen den Islam. Seit Sonntag ist Mursi ein Jahr im Amt. Die Muslimbruderschaft war sowohl aus der Parlaments- als auch der Präsidentenwahl als stärkste Kraft hervorgegangen.

Die ägyptische Zentralbank ordnete laut Staatsfernsehen die Schließung aller Geldinstitute im Land an. Am Donnerstag sollen sie aber für mehrere Stunden wieder öffnen.

ZEIT ONLINE hat eine Twitterliste eingerichtet, die Berichte von internationalen Reportern sammelt. Reuters berichtet via Livestream vom Tahrir-Platz .