In Ägypten sind erneut Zehntausende Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi zu Massenprotesten gegen die Übergangsregierung auf die Straße gegangen. Die Polizei setzte in Kairo Tränengas gegen Demonstranten ein, die eine wichtige Nilbrücke blockierten und Steine auf die Einsatzkräfte warfen. Bei den Zusammenstößen wurden sieben Menschen getötet, wie die Behörden am heutigen Dienstag mitteilten.

Die Auseinandersetzungen dauerten Medienberichten zufolge die ganze Nacht, auch am frühen Dienstagmorgen waren noch Tausende Mursi-Anhänger auf der Straße. Nach Angaben der Muslimbruderschaft seien Dutzende Menschen verletzt worden, als Tränengas- und Gummigeschosse auf Protestierende auf dem Ramses-Platz in Kairo abgefeuert worden seien. Al Jazeera sprach von mindestens 22 Verletzten. Es habe zahlreiche Festnahmen gegeben.

Auch in anderen Stadtteilen Kairos zogen Sympathisanten Mursis und der Muslimbrüder auf die Straßen. Zehntausende kamen zur Rabia-al-Adawija-Moschee , wo die Anhänger der Islamisten seit Wochen eine Mahnwache abhalten. Eine weitere große Ansammlung gab es vor der Universität von Kairo. Proteste wurden auch aus Alexandria und Assiut gemeldet. Die Demonstranten sagten, sie würden die Proteste bis zu Mursis Freilassung fortsetzen.

"Kein Modell aufzwingen"

Erstmals seit dem Sturz des Präsidenten hat ein ranghoher Vertreter der USA Gespräche mit der neuen Regierung in Kairo geführt. Vize-Außenminister William Burns rief alle Parteien auf, in den Dialog zu treten und die Gewalt zu beenden, wie arabische Fernsehsender berichteten . "Wir werden nicht versuchen, irgendein Modell aufzuzwingen", sagte Burns. Die US-Regierung lege aber Wert auf "gewisse demokratische Prinzipien". Er traf unter anderem Übergangspräsident Adli Mansur , Ministerpräsident Hasim al-Beblawi und Militärchef Abdel Fattah al-Sisi, der als eigentlicher starker Mann im ägyptischen Machtgefüge gilt.

Die USA verlangen – wie Deutschland – die Freilassung Mursis. Dieser wird seit seiner Entmachtung vom Militär an einem unbekannten Ort und ohne formelle Anklage festgehalten . Ob Burns in seinen Gesprächen den Verbleib Mursis ansprach, ist nicht bekannt. Die USA unterstützen das Land mit etwa 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr. Davon sind 1,3 Milliarden Dollar für das Militär bestimmt. Diese Zahlungen müssten nach US-Rechtslage eingestellt werden, falls Washington den Umsturz als Militärputsch einstuft.

Muslimbrüder kritisieren USA

Am Wochenende hatte die ägyptische Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Mursi wegen des Vorwurfs der Spionage aufgenommen. Zugleich wurden die Vermögen von 14 führenden Kadern der Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt, eingefroren. Ihnen wird unter anderem der Aufruf zur Gewalt vorgeworfen.

Gehad al-Haddad, der Sprecher der Muslimbruderschaft, kritisierte am Rande einer Kundgebung in Nasr City den Besuch des US-Diplomaten. "Jahrelang verkünden die USA in der Region die Prinzipien der Demokratie", sagte er Al Jazeera International. "Doch beim ersten Test versagen sie", sagte er mit Blick auf die Absetzung Mursis und die zurückhaltenden Reaktionen Washingtons darauf.