Auf dem Tahrir-Platz in Kairo macht man es sich derzeit sehr einfach. Die Muslimbrüder sind Terroristen, das Militär und vor allem ihr Oberbefehlshaber General Abdel Fattah al-Sissi sind Helden. Obwohl die Parallelen zu den Massakern der eineinhalbjährigen Militärherrschaft nach der Revolution im Jahr 2011 immer deutlicher werden, stört das brutale Vorgehen gegen Mohammed Mursis Anhänger daher nur wenige. Die hätten doch nichts anderes verdient, finden viele Demonstranten.

"Das ist die Gehirnwäsche durch die Medien", sagt Samia Jaheen. Die beliebte ägyptische Sängerin ist entsetzt über den Personenkult um General al-Sissi. Deshalb ist sie am Sonntagabend zum Sphinx-Platz im Kairoer Stadtteil Giza gekommen. Auf dem "AlMidan AlTalat" (deutsch: Der dritte Platz) treffen sich seit vergangener Woche all jene, die weder mit al-Sissis Anhängern auf dem Tahrir-Platz noch mit Mursis Unterstützern vor der Rabea-Adawija-Moschee sympathisieren. "Nieder mit Mubarak, nieder mit Mursi, nieder mit al-Sissi", rufen die Demonstranten.

"Wir sind die ägyptische Jugend, die im Januar 2011 den Präsidenten gestürzt hat. Jetzt wurde uns zum zweiten Mal die Revolution gestohlen", sagt Ahmed Naguib, ein junger Banker. General al-Sissi sei ein Schüler Mohammed Hussein Tantawis, seines Vorgängers, der während der Militärherrschaft brutal gegen die jungen Demonstranten vorging. Al-Sissi wisse sich nur besser zu vermarkten. Kaum noch jemand erinnert sich daran, dass der General vor rund zwei Jahren die entwürdigenden Jungfräulichkeitstests an weiblichen Demonstrantinnen verteidigte. Wenn er zur nächsten Präsidentschaftswahl anträte, würde er wohl gewählt, befürchtet Naguib. Das alte Regime käme damit zurück.

"Es war nie wirklich weg", sagt Ahmed Nasser, einer der Organisatoren der Demonstration. Die alten Eliten hätten die Muslimbrüder gezielt sabotiert. "In den Wochen vor dem 30. Juni gab es ständig Stromausfälle und lange Schlangen vor den Tankstellen. Nach dem Putsch verschwanden sie so plötzlich, wie sie aufgetaucht waren", sagt Nasser. Gleichzeitig hätten sich die Islamisten durch ihre Arroganz und Inkompetenz extrem unbeliebt gemacht. Ihre Kompromisslosigkeit angesichts des öffentlichen Widerstands habe dem Militär dann keine andere Wahl gelassen als einzugreifen.

Wenn überhaupt, sei der 30. Juni eine Gegenrevolution der alten Eliten gewesen, meint Nasser. Seine Sorge scheint berechtigt – am Samstag kündigte Innenminister Mohammed Ibrahim die Wiedereröffnung der Abteilung zur Beobachtung von politischen und religiösen Aktivitäten an, die als Symbol der Verfolgung von Oppositionellen nach der Revolution 2011 abgeschafft worden war. Ibrahim selbst hat eine lange Laufbahn in den Sicherheitsbehörden unter Mubarak hinter sich. Unter Mursi wurde er Innenminister – ein Posten, den er nach dem Putsch behielt. Eine "Prostituierte sämtlicher Regime" nennen ihn die Demonstranten.