Vor der Moschee warten sie schon. Hunderte Männer, viele in bodenlange Gewänder gehüllt, haben sich zu Gruppen formiert. Einige rücken ihre Schutzhelme zurecht, andere legen sich grüne Stirnbänder um den Kopf, auf denen ein Schriftzug Allah huldigt. Hier, vor der  Rabia-al-Adawija-Moschee im Kairoer Stadtteil Nasr City, rüsten sich die Muslimbrüder. "Sie wollen Rache", sagt Mohammed Elwan. Der 43-jährige Ingenieur ist einer ihrer Anhänger, steht aber etwas abseits. Zu gefährlich sei es ihm inmitten der Masse. "Die Stimmung ist enorm geladen."

Die ägyptische Armee hatte am Montagmorgen vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garde auf Mitglieder der Muslimbruderschaft geschossen. Es war der bislang blutigste Zusammenstoß seit dem Sturz des Präsidenten Mohammend Mursi vor knapp einer Woche. Mindestens 51 Menschen starben, mehr als 400 wurden verletzt. Seither fürchten die Ägypter eine weitere Eskalation der Gewalt. Aus Militärkreisen heißt es zwar, bewaffnete Anhänger der Muslimbrüder hätten versucht, das Hauptquartier in der Dämmerung zu stürmen. Doch das glaubt hier niemand. Es war ein gezieltes Massaker, krakeelen zwei Männer. Sie wollen die Gläubigen auslöschen, ruft ein anderer.

Etliche Mursi-Anhänger waren bereits in den vergangenen Tagen in Bussen aus dem ganzen Land angereist, um ihre Glaubensbrüder in Kairo beim Kampf für die Wiedereinsetzung ihres Präsidenten zu unterstützen. Jetzt kommen noch mehr, um ihre Toten zu sühnen. Die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei hat offiziell zu einer Intifada aufgerufen. Seither rüstet sich das Land am Nil für den Ausnahmezustand. In Kairo säumen Panzerwagen wichtige Zufahrtsstraßen, schwer bewaffnete Soldaten besetzen Wachtürme und Kreuzungen, Stacheldraht umzäunt Militärgebäude. "Wir unterstützen den frei gewählten Präsidenten Mursi. Dafür haben wir protestiert", sagt Ingenieur Elwan. "Doch jetzt geht es um alles. Jetzt schlagen wir zurück."

Ein paar Meter weiter hat ein Student eine Matte ausgerollt. "So viele Menschen sind tot. Das ist nicht gut für unser Land", sagt Ahmed el-Maghdy. Zusammen mit seinem Bruder will er gegen "die brutale Vorherrschaft der Armee" protestieren. El-Maghdy ist ein Anhänger der Salafisten, der zweitgrößten islamistischen Strömung in Ägypten. Deren Nur-Partei, die anfangs Seite an Seite mit den Mursi-Gegnern stand, hatte den nationalen Dialog der Übergangsregierung nach den Schüssen auf die Muslimbrüder aufgekündigt. "Jetzt sind die Fronten für alle Zeit verhärtet", sagt el-Maghdy und blickt auf die Männerhorden, die sich an den überfüllten Minibussen vorbeipressen. Die Armee, sagt er, missbrauche ihre Macht. "Sie macht alles kaputt."

"Warum schießen die auf Demonstranten? Warum reicht nicht Tränengas?", ruft Sherif Adel, 34, grüne Hose, Sportschuhe, Hemd. "Die Armee soll die Menschen schützen. Nicht töten." Adel steht vor einem Kiosk unweit des Präsidentenpalastes in Kairo und kippt eine Limonade hinunter. Noch vor wenigen Tagen jubelten hier Hunderttausende den stetig kreisenden Militärhubschraubern zu, feierten Frauen und Männer bis in die Morgenstunden den Fall des verhassten Präsidenten. Jetzt herrscht gähnende Leere auf den Straßen, Mülltüten flattern im Wind, ein paar Soldaten schlendern mit müdem Blick über den heißen Asphalt. Jungen in Unterhemden verkaufen Poster mit dem Porträt des ägyptischen Armeeführers Abdel Fattah al-Sisi. Abnehmer dürften sie schwerlich finden.

Armee verspielt Vertrauen

Denn die Armee, gerade noch als Heilsbringer gefeiert, hat seit Montag auch in der breiten Bevölkerung an Rückhalt verloren. Viele Ägypter werfen ihr vor, die Spaltung zwischen Anhängern und Gegnern von Expräsident Mursi voranzutreiben und so die Furcht vor einem Bürgerkrieg zu schüren. Das Militär sei unberechenbar, sagen die einen. Die Ägypter hätten es auch ohne die Armee geschafft, sagen andere. Ja, er habe den Sturz Mursis gewollt, sagt Sherif Adel. "Aber nicht zu diesem Preis." Seine Freundin, eine groß gewachsene Mittzwanzigerin mit pinkfarbenem Kopftuch, ergänzt: "Die Muslimbrüder waren am Ende. Die wären von den Menschen abgewählt worden. Man hätte doch bis zur nächsten Wahl warten können." Nun könne es nur schlimmer werden. "Das Massaker war der Startschuss. Ab jetzt herrscht hier pure Anarchie."

Übergangspräsident Adli Mansur hat zwar eine unabhängige Untersuchung der gewalttätigen Zusammenstöße sowie rasche Parlamentswahlen angekündigt. Doch für viele Ägypter ist ein Kompromiss zwischen den tief gespaltenen politischen und religiösen Lagern jetzt in weite Ferne gerückt. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle äußerte sich bestürzt über den Gewaltausbruch. Ebenso sein britischer Amtskollege William Hague, der die Ägypter mahnte, schnell zu "demokratischen Prozessen" zurückzufinden. Sherif Adel sagt, einige seiner Freunde wünschten sich, dass Europa eingreife. Er selbst aber nicht. "Das Ausland verfolgt nur eigene Interessen. In diesem Spiel hat jeder seine Rolle."