Das Ultimatum der ägyptischen Armee an Präsident Mohammed Mursi ist abgelaufen. Das Ergebnis der Verhandlungen ist noch nicht bekannt, doch sowohl Mursi und seine Anhänger wie auch die Führung der Streitkräfte und die Gegner des Präsidenten zeigten sich zum Äußersten bereit. Nach den Worten seines Sprechers ist Mursi entschlossen, notfalls im Kampf für die Demokratie zu sterben. Der Präsident wolle nicht von der Geschichte verurteilt werden.

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo sammelten sich Zehntausende Gegner des Präsidenten. Es herrschte eine feierliche Stimmung – viele rechneten mit dem Sturz. Mursis Unterstützer kamen im Stadtteil Nasr-City zusammen. Sie sprachen von einem Militärputsch gegen den Präsidenten.

Mursi erklärte seinerseits die Bereitschaft zur Bildung einer nationalen Koalition. Diese solle alle politischen Kräfte und insbesondere die Jugendbewegung einschließen, hieß es in einer Erklärung, die auf der offiziellen Facebook-Seite Mursis gepostet wurde. Diese Regierung könne vorgezogene Parlamentswahlen vorbereiten und Verfassungsänderungen ausarbeiten. Einen Rücktritt schloss der Präsident erneut aus. Er rief die Generäle vielmehr auf, in dem Konflikt keine Partei zu ergreifen. 

Die Armeeführung hatte den Präsidenten aufgefordert, bis Mittwochnachmittag einen Weg aus der Krise zu finden. Andernfalls werde das Militär eingreifen und einen politischen Fahrplan für das Land umsetzen. Seit Tagen protestieren Zehntausende gegen Mursi und die regierenden Muslimbrüder, die ihrerseits zu Tausenden für ihren Präsidenten demonstrierten. Bei Zusammenstößen zwischen beiden Seiten kamen seit Sonntag mindestens 39 Menschen ums Leben. 

Armee trifft Oppositionsführung

Am Mittag berieten die Streitkräfte mit Vertretern von Opposition und Geistlichen über einen politischen Fahrplan für das Land. Das Treffen fand zwischen Armeechef Abdel Fattah al-Sisi, Oppositionsführer Mohammed ElBaradei, Imam Scheich Ahmed al-Tajeb von der Al-Azhar-Moschee und dem koptischen Papst Tawadros II. statt, sagte Oppositionssprecher Chaled Dwud.

Die ägyptische Nachrichtenagentur Mena meldete, die Generäle wollten nach Ablauf des Ultimatums die Verfassung aussetzen, das von Islamisten dominierte Parlament auflösen und einen Übergangsrat einsetzen, der vom höchsten Richter des Landes geleitet werden solle.

Die Muslimbruderschaft bekräftigte ihren Widerstand gegen eine Entmachtung des Präsidenten. "Der einzige Plan, den die Menschen angesichts eines Putschversuchs haben, ist, sich vor die Panzer zu stellen. So wie wir es bei der Revolution des 25. Januar (2011) gemacht haben", schrieb er ihr Sprecher Gehad al-Haddad bei Twitter. Die radikal-islamische Gruppe Al-Gamaa al-Islamija hat ihre Anhänger dagegen zur Gewaltlosigkeit aufgerufen. Die Bewegung unterstützt Mursi ebenfalls.

In Kairo soll das Militär das Gebäude des Staatsfernsehens besetzt haben. Die meisten Mitarbeiter seien aufgefordert worden, das Haus zu verlassen, berichteten Medien. Die Armee wolle das Programm vor Ablauf des Ultimatums kontrollieren. Es könnte sich dabei aber auch um die Präsidentengarde handeln, das berichtete zumindest ein Reporter des Guardian, der in dem Gebäude war.

ZEIT ONLINE hat eine Twitterliste eingerichtet, die Berichte von internationalen Reportern sammelt. Reuters berichtet via Livestream vom Tahrirplatz.