Folgender Witz war unter ägyptischen Demonstranten vor zwei Jahren verbreitet, als sie gegen den Obersten Militärrat demonstrierten, der gerade erst Hosni Mubarak entmachtet hatte. Um Zeit zu sparen, solle man gleich auf die Poster schreiben: "Das Volk fordert schon gleich auch den Sturz des übernächsten Präsidenten!" Selten traf eine Pointe den Nagel besser auf den Kopf, und selten konnte ein politischer Witz so rückhaltlos recycelt werden wie dieser. Denn so groß die Sympathie auch sein mag, die man Ägyptens Opposition entgegenbringt: Die Massenkundgebungen könnten das ganze Land in einen Abgrund stürzen.

Dabei kann man durchaus verstehen, wogegen die Menschen auf dem Tahrir-Platz protestieren. Die Muslimbrüder haben nicht nur fehlgewirtschaftet und Ägyptens Probleme vergrößert, sie haben auch den demokratischen Prozess pervertiert, indem sie versuchten, ihre verhältnismäßig größere Macht in absolute Herrschaft umzumünzen. Sei es beim Schreiben der Verfassung, oder bei der Ernennung wichtiger Posten: Von Dialog und Kompromissbereitschaft kaum eine Spur. Kein Wunder also, dass die Massen aufbegehren.

Doch Mursi mit Massenprotesten zu stürzen, ist der falsche Weg. Denn ein Erfolg der Opposition wäre der letzte Nagel im Sarg von Ägyptens Demokratie. Keine Spielregel gälte mehr. Niemand weiß, was nach Mursis Sturz kommen soll, und wer das dann überhaupt noch festlegen darf. Wenn der Kandidat der Muslimbrüder, der demokratisch ins Amt gewählt wurde, nach einem Jahr so ohne jeden Bezug zum Gesetz entmachtet werden darf, warum können die Islamisten nicht dasselbe mit seinem Nachfolger tun, sobald der ihnen nicht mehr passt?

Wer Parlament und Wahlurne so unverhohlen aushebelt, darf sich nicht wundern, wenn auch sein Gegner unkoschere Mittel anwendet. Was dann übrig bleibt, sind Demonstrationen, Straßenkämpfe, politische Attentate – kurz: Anarchie oder die Herrschaft des Militärs. Das aber kann auch nicht im Interesse der Opposition sein.

Das Ultimatum der Armee an beide Seiten, sich innerhalb von 48 Stunden zu einigen, muss vor diesem Hintergrund verstanden werden. Es kann ein Weckruf sein. Nur so sehen sie vielleicht ein, dass sie nicht alles gewinnen, sehr wohl aber alles verlieren können, falls sie nicht bald einen fruchtbaren Dialog beginnen. Hoffentlich ist es dafür nicht schon zu spät.