Anthony Weiner ist wieder in den Schlagzeilen. Das ist erst mal nichts Schlimmes, schließlich ist Wahlkampf. Dumm nur, dass es nicht vordergründig um seine Bürgermeisterkandidatur der Demokraten in New York geht. Sondern mal wieder um einen Sexskandal.  

Die Bilder, die Weiner vor zwei Jahren zu Fall brachten, waren eindeutig und sie verbreiteten sich schnell. Als er Fotos einer Nahaufnahme seiner eng anliegenden Unterhose versehentlich an 56.000 Follower schickte, schien die politische Karriere des hoffnungsvollen Aufsteigers der Demokraten beendet. Nach tagelangem Dementieren räumte der verheiratete Weiner bei einem tränenreichen Auftritt seine digitale Promiskuität ein. Er gab sich als geläutert, wollte ein "besserer Ehemann" und ein "gesünderer Mensch" werden  und begab sich in Therapie. Aus der Politik zog er sich vorerst zurück.

Nach zwei Jahren stand nun das große Comeback bevor. Ein ernst gemeintes Jobangebot von Porno-Verleger Larry Flint schien keine Option für Weiner zu sein. Er wollte zurück in die Politik. Bereits im Mai hatte er angekündigt, sich als Nachfolger von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg bewerben zu wollen. Vom einstigen Hoffnungsträger der Demokraten zur Spottfigur gestürzt, arbeitete er an seiner politischen Reinwaschung. Bei Twitter ist er seit April wieder aktiv. In einem Video, dass er zur Kandidatur veröffentlichte, inszenierte er sich als fürsorglichen Ehemann und Vater. Die New York Times durfte ihn und seine Ehefrau Huma Abedin, eine enge Vertraute Hillary Clintons, für eine Titelgeschichte zu Hause in der Park Avenue besuchen. "Schwindelig vor stolz" erzählte Weiner dem Reporter, dass sein Sohn kurz zuvor seine ersten Schritte gemacht hatte.

Die ersten Schritte Weiners zurück in die Politik muten indes ähnlich unbeholfen an wie die seines einjährigen Sohnes. Kurz vor der Vorwahl um das Bürgermeisteramt im September sind erneut Nacktfotos des Demokraten aufgetaucht. Weiner sah sich gezwungen, erneut schlüpfrige Internet-Unterhaltungen zuzugeben – dieses Mal mit einer 22-jährigen. Schon bei seinem Rücktritt hatte er vorsorglich angekündigt: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass weitere Bilder und Texte an die Öffentlichkeit gelangen." 

Das Land der unbegrenzten zweiten Möglichkeiten

Die nun aufgetauchten Bilder, die eine US-Klatsch-Webseite veröffentlicht hatte, sind jedoch neu und haben mit dem ersten Skandal nichts zu tun. "Einige dieser Dinge sind vor meinem Rücktritt passiert, andere danach", sagte Weiner am Dienstagabend bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in New York. Seine Frau stand dicht an seiner Seite. Auf die Frage eines Reporters nach dem genauen Zeitraum der neuen Chataffäre antwortete er: "Irgendwann im Sommer letzten Jahres" – in dem Sommer also, als sein Sohn geboren wurde. Jetzt bittet Weiner um Verständnis und Vergebung: "Ich hoffe, dass die Menschen in New York mir immer noch eine zweite Chance geben wollen."

Tatsächlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass Weiner die zweite Chance auch bekommen wird – die in seinem Fall allerdings die dritte wäre. In Umfragen zur Bürgermeistervorwahl hatte er zuletzt sogar vorne gelegen. Im Land der unbegrenzten zweiten Möglichkeiten ist die unkontrollierte Libido von Politikern kein Ausschlusskriterium bei Wahlentscheidungen mehr. In seltenen Fällen macht sie den Politiker sogar zum nahbaren Menschen, der selbst das konservative Amerika erweicht. Vor allem machen die sexuellen Eskapaden – vielleicht ist es tatsächlich so einfach – die Politiker schlagartig bekannt. Wie die Washington Post herausgefunden hat, können Amerikaner eher damit leben, wenn Politiker ihre Ehefrauen betrügen, als wenn sie sich auf Kosten des Steuerzahlers bereichern. Allerdings wurden für die Umfrage New Yorker Demokraten befragt. Bei Republikanern dürfte das Ergebnis deutlich anders ausfallen.

Bestes Beispiel ist Bill Clinton, der trotz der Affäre mit seiner Praktikantin im Amt blieb und dessen politische Integrität als Elder Statesman heute keiner infrage stellt. Dass seine Frau ihn bedingungslos bei seinem Gang nach Canossa begleitete, dürfte viel dazu beigetragen haben. So scheint es wenig verwunderlich, dass auch Weiner und seine Ehefrau nun medial die große Liebeskampagne fahren.

Rehabilitation dank groß angelegter Liebeskampagne

Auch Eliot Spitzer steht vor einem Comeback. Vor ein paar Jahren noch gut zahlender Kunde eines illegalen Prostituiertenrings, stürzte der Gouverneur, der sogar als möglicher Kandidat für das Weiße Haus gehandelt wurde, 2008 tief. 80.000 Dollar soll er innerhalb von sieben Jahren für Sexdienste gezahlt haben. Im Herbst will er sich zum Comptroller New Yorks wählen lassen und als dieser die Finanzen der Stadt überwachen. Seine Chancen stehen nicht schlecht. In Umfragen liegt er an der Spitze. Republikaner Mark Sanford hat derweil die Gnade der US-Bürger schon erfahren und wurde rehabilitiert: Der Gouverneur von South Carolina, der 2009 für mehrere Tage in Buenos Aires zum heimlichen Liebesurlaub untertauchte und in einer Live-Pressekonferenz seine außereheliche Affäre gestehen musste, wurde im Mai ins Repräsentantenhaus gewählt.

Stolperfalle nach oben? Ob es auch für Anthony Weiner so glatt läuft, wird sich endgültig bei der Wahl im Herbst zeigen. Bis dahin dürfte er in den amerikanischen Medien und in US-Latenight-Shows wieder Hohn und Spott über sich ergehen lassen. Im günstigsten Fall, das wird Weiner bewusst sein, ist es beste PR.