Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Urteil gegen den russischen Kreml-Kritiker Alexej Nawalny ungewöhnlich deutlich kritisiert. Es drängten sich Zweifel auf, "ob bei diesem Prozess strafrechtliche Motive im Vordergrund" gestanden hätten, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Fünf Jahre Lagerhaft erschienen vor dem Hintergrund des Nawalny zur Last gelegten Verbrechens "unverhältnismäßig hoch".

Ein Gericht im russischen Kirow hatte den 37-jährigen Anwalt und Blogger am Donnerstagmorgen für schuldig befunden, als Berater des Gouverneurs der gleichnamigen Region 2009 in einem Forstbetrieb umgerechnet 400.000 Euro unterschlagen zu haben. Er wurde zu fünf Jahren Lagerhaft wegen Veruntreuung verurteilt.

Der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Andreas Schockenhoff (CDU), sagte, der Prozess diene "der Repression und nicht der unabhängigen Rechtsfindung". Staatschef Wladimir Putin betrachte "jede Form von eigenständigem politischem Engagement als Gefährdung des Systems". Das Urteil gegen Nawalny sei daher ein "Beleg für die mangelhafte Unabhängigkeit der Justiz in Russland".

Auch die US-Regierung kritisierte das Urteil. Der amerikanische Botschafter in Moskau, Michael McFaul, schrieb auf Twitter, sein Land sei "tief enttäuscht". Das Verfahren sei "offensichtlich politisch motiviert".