Es ist der zweite Mord an einem tunesischen Oppositionspolitiker innerhalb weniger Monate: Mohamed Brahmi wurde am Donnerstagmorgen vor seinem Haus im Norden der Hauptstadt Tunis erschossen. 14 Schüsse, so die Gerichtsmedizin, wurden wahrscheinlich von einem Motorrad auf den Abgeordneten der Verfassungsversammlung abgegeben. Die Täter, die den Vorsitzenden der kleinen linken Partei "Die Volksbewegung" niederstreckten, haben nicht nur professionell, sondern auch symbolbewusst gehandelt.

Der 25. Juli, der Tag, an dem Brahmi niedergestreckt wurde, ist der Tag der Gründung der tunesischen Republik. Brahmi, der aus Sidi Bouzid kam, wo der Umbruch Ende 2010 seinen Anfang nahm, war an diesem Feiertag zu Hause und hatte keine Termine, berichtete seine Tochter unter Tränen in den tunesischen Medien. Als der 58-jährige Abgeordnete der Opposition plötzlich einen Anruf erhielt, verließ er das Haus und wurde direkt vor seiner Tür erschossen. Wie bereits Chokri Belaid sechs Monate zuvor. Am 6. Februar 2013 wurde dieser Oppositionelle und scharfe Kritiker der Regierung ebenfalls vor seinem Haus getötet. An das Werk eines Einzeltäters glaubt damit in Tunesien spätestens seit Donnerstag niemand mehr.

Überhaupt erinnert vieles im Fall Brahmi an die Tötung Belaids. Beide Morde an den Regierungskritikern geschahen zu einem Zeitpunkt, als die Koalitionsregierung um Ennahdha geschwächt dastand. War es zu Jahresbeginn eine interne, seit Monaten schwelende Regierungskrise, die die sogenannte Troika aus Ennahdha, Ettakatol und dem Kongress für die Republik ins Schwanken gebracht hatte, so sind es jetzt vor allem die Ereignisse in Ägypten, die die islamistische Ennahdha zittern lassen. Die stärkste der drei Regierungsparteien fürchtete in letzter Zeit, dass sie bald ein ähnliches Schicksal ereilen würde wie die Muslimbrüder.

Genutzt haben die Morde der Ennahdha nicht

In beiden Mordfällen beschuldigten viele Tunesier beinahe reflexartig die Ennahdha-Partei, für die Morde verantwortlich zu sein. Sie habe die Taten in Auftrag gegeben. Die Islamisten zu verdächtigen, ist verständlich, und es ist sicher die einfachste Erklärung. Doch genutzt haben die Morde der Regierungspartei nicht, auch wenn Ennahdha es im Februar doch noch – für viele Beobachter überraschend gut – geschafft hat, die Situation zumindest kurzfristig zu stabilisieren. Insgesamt aber hat sich die politische und wirtschaftliche Krise im Land verschärft.

Die Ennahdha-Partei mag politisch unerfahren sein, aber sie mag kaum so naiv sein, ihre politischen Gegner einfach per Kopfschuss aus dem Weg zu räumen. Wahrscheinlicher ist es, dass die Hintermänner des Mordes darauf spekulieren, dass die Tat der Regierung in die Schuhe geschoben und dies sie mittelfristig zu Fall bringen wird.

Diese Absicht kann aus verschiedenen politischen Lagern kommen. Im Fall Belaid hat die Regierung um Ennahda gewaltbereite Salafisten beschuldigt. Diese halten ihr regelmäßig vor, einen bürgerlichen Islam light zu vertreten. Die Regierung hatte die Extremisten seit Beginn ihrer Amtszeit ignoriert. An der Aufklärung des Falles Belaid zeigt sie bis heute kein ernsthaftes Interesse – und scheint ihn damit zu billigen. Zwar wurden einige Verdächtige benannt, diese sind jedoch flüchtig, über Hintermänner und Motive herrscht Stillschweigen.