Amerikas Präsident unterbrach am Donnerstag für fünf Minuten seinen Urlaub und verkündete: Das für September geplante gemeinsame Militärmanöver mit der ägyptischen Armee wird abgesagt. Weitere Schritte bleiben vorbehalten. Erst nach mehr als 500 Toten in den Straßen von Kairo und Alexandria rang sich Barack Obama zu diesem ersten Schritt durch. Zögern und zaudern: So lässt sich seine bisherige Ägypten-Politik umschreiben. Aber wer kann mit absoluter Sicherheit sagen, was in dieser verfahrenen und so hochkomplizierten Situation zu tun wäre.

Es dauerte ewig lange, bis Obama vor mehr als zwei Jahren Ägyptens despotischen Präsidenten Hosni Mubarak zum Rücktritt aufforderte. Aber immerhin: Er tat es wider den Rat mancher seiner Fachleute und etlicher Verbündeter. Jetzt dauerte es wieder einmal Wochen, bis er angesichts der verheerenden Militärgewalt die erste Konsequenz zog. Nicht auszudenken, welch fatale Botschaft die Bilder von einem gemeinsamen amerikanisch-ägyptischen Manöver um die Welt gesendet hätten. Allerdings: Einige seiner Berater und manche Verbündete hatten dem Präsidenten dringend von dieser Strafmaßnahme abgeraten, hatten doch Millionen von Ägyptern ein hartes Vorgehen gegen die Muslimbrüder gefordert.

Doch angesichts der grausamen Brutalität des Militärs kann Obamas erster Schritt nicht zufriedenstellen. Rund 1,3 Milliarden Dollar erhält Ägyptens Armee Jahr für Jahr aus der amerikanischen Staatskasse. Jetzt schießen ägyptische Soldaten aufs eigene Volk mit Waffen, die sie von diesem Geld gekauft haben. Viele Offiziere, die den Putsch anführen, wurden in amerikanischen Militärakademien ausgebildet. Die Schulung in Sachen Demokratie und Bürgerrechte, ein fester Bestandteil des Unterrichts, scheint nicht gefruchtet zu haben.

Ägyptischen Machthabern ist egal, was die USA denken

Gleichwohl agiert Washington immer noch äußerst vorsichtig und scheut sich Obama nach wie vor, das Wort Militärputsch in den Mund zu nehmen. Denn dieses Wort hätte eine automatische Folge: Amerika müsste von Gesetzes wegen unverzüglich seine Finanzhilfe für Ägyptens Uniformträger einstellen. Das aber will der Präsident noch nicht. Er meint, noch immer auf Ägyptens Generäle einwirken zu können und will deshalb sein letztes Druckmittel nicht aus der Hand geben. Allerdings demonstrieren die ägyptischen Machthaber in diesen Tagen überaus deutlich, dass es sie wenig schert, was Washington denkt.

Amerika pflegte im Nahen und Mittleren Osten schon immer eine äußerst riskante Schaukelpolitik. Obama unterscheidet sich da nicht wesentlich von seinen Vorgängern, obwohl er immerhin auf Mubaraks Abdankung drängte und anfangs auch den demokratisch gewählten islamischen Präsidenten Mohammed Mursi unterstützte.

Die Folge dieser Politik ist, dass Amerika es keiner Seite recht macht und für alle der Buhmann ist. Sowohl die Unterstützer des Militärputsches als auch die Anhänger der Muslimbrüder werfen Barack Obama Verrat vor. Alle verbrennen die Amerikafahne und skandieren antiamerikanische Slogans. Amerikas hin und her lavierende Botschafterin Anne Patterson wird von allen gehasst.

In der Tat ist Amerika in einer schwierigen Lage. Was immer es tut und entscheidet, kann unvorhersehbare Folgen haben. Ägypten ist eines der wenigen Länder, die einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen haben. Ägypten ist Kontrolleur der Grenze zum palästinensischen Gazastreifen, über die immer wieder schwere Waffen und Bausätze für Raketen geschmuggelt werden. Ägypten ist wichtiger Partner im Kampf gegen islamistische Terroristen.