Drei Tage lang sah es so aus, als wäre in Ägypten ein Stück Restvernunft zurückgekehrt. Seit Interimspräsident Adly Mansour jedoch am Mittwoch abrupt und offiziell den Schlussstrich unter alle internationalen Vermittlungsversuche zog, muss man für Ägypten das Schlimmste befürchten. Das Land steht vor einer innenpolitischen Eskalation mit unabsehbaren Folgen. Sämtliche Bemühungen internationaler Vermittler, eine totale Konfrontation zwischen den neuen, vom Militär inthronisierten Machthabern, und den Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi abzuwenden, sind offenbar vorerst gescheitert, Mansour ließ erklären: "Die Phase der Diplomatie ist vorbei."

Die beiden nach Kairo gereisten republikanischen US-Senatoren John McCain und Lindsey Graham hatten zuvor die Vorgänge in Ägypten als erste ausländische Besucher eindeutig als Putsch bezeichnet. "Die Leute an der Macht sind nicht gewählt, und die Leute, die gewählt wurden, sind im Gefängnis", sagte Graham zur Begründung. Er warf den neuen Machthabern vor, im Umgang mit den Muslimbrüdern fundamental unfair zu verfahren. "In einer Demokratie muss man miteinander reden. Es ist aber unmöglich, mit jemandem zu reden, der im Gefängnis sitzt."

Der selbstverständliche Hinweis der US-Senatoren wird in Kairo aber als unverzeihliche Beleidigung der großen Nation der einstigen Pyramidenbauer zurückgewiesen. Im Lager der neuen Machthaber, die sich mal als "Retter der Revolution", mal als "Zweite Revolutionäre" rühmen, sind vielmehr Tugenden wie Augenmaß, echte Kompromissbereitschaft, Respekt vor den berechtigten Interessen des Gegenüber sowie Fähigkeit zur politischen Integration noch weitaus dünner gesät, als bei den viel geschmähten Muslimbrüdern.

Was in den Gazetten und TV-Kanälen von angeblich liberalen ägyptischen Medienmogulen an politischen Schmutzkampagnen inszeniert wird, das hat es selbst in düsteren Mubarak-Jahren nicht gegeben. Ohne Zweifel – die politische Kultur am Nil ließ schon unter den Muslimbrüdern zu wünschen übrig. Doch was sich derzeit abspielt, ist der komplette Zusammenbruch öffentlicher Besonnenheit.

Zweieinhalb Jahre haben die alten Eliten gewartet

Staatliche und private ägyptische Medien werden seit dem Sturz Mursis von einer Welle an Hysterie und Hetze über die Muslimbrüder überschwemmt, die in der Bevölkerung eine regelrechte Pogromstimmung erzeugen. In endlosen Tiraden vergleichen Kommentatoren die Muslimbrüder mal mit den Nazis, mal mit den italienischen Roten Brigaden oder den kambodschanischen Roten Khmer.

Die jüngste Zuspitzung in Ägypten schwächt auch die kleine Schar moderater Politiker in den Reihen der Übergangsführung. Auch Übergangsvizepräsident Mohamed ElBaradei sieht sich seit Tagen einer Schmutzkampagne in der monopolartig organisierten Staatspresse ausgesetzt, weil er für echte Verhandlungen und ein Vorgehen möglichst ohne Blutvergießen eintritt. Manche Blätter bezeichneten den Friedensnobelpreisträger sogar als "Gefahr für Volk und Vaterland". Moderate Warner, wie der liberale ehemalige Parlamentsabgeordnete Amr Hamzawy, werden in den Kolumnen als "ausländische Spione" oder "Vaterlandsverräter" denunziert.

Zweieinhalb Jahre haben die entthronten Mubarak-Eliten auf ihre Machtchance gewartet. Der vom Militär erzwungene Sturz von Mohammed Mursi hat Ägypten in einen chauvinistischen Taumel versetzt, der sich bald einer nicht mehr zu stoppenden Spirale der Gewalt entladen könnte. Die letzten internationalen Mahner jedenfalls haben die verfeindeten Akteure jetzt nach Hause geschickt.