Zu Zehntausenden sind die Menschen in Ägypten dem Aufruf der islamistischen Muslim-Bruderschaft gefolgt und haben am Freitag trotz Ausgangssperre gegen die Absetzung des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi protestiert. Dabei kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, es fielen Schüsse, die Polizei setzte Tränengas ein. Nach Angaben der Sicherheitskräfte starben im ganzen Land mindestens 80 Menschen, etwa 300 wurden verletzt . Die Islamisten riefen zu einer ganzen Woche von Protesten auf.

Die meisten Opfer gab es beim von den Islamisten ausgerufenen "Freitag des Zorns" in Kairo . Am Ramses-Platz, der mittlerweile zum Zentrum des Protests geworden ist, seit Soldaten den Tahrir-Platz abgeriegelt haben, versammelten sich nach den Freitagsgebeten etwa 20.000 Mursi-Anhänger. Einige von ihnen trugen Maschinengewehre. Nach Angaben der Islamisten erschoss die Polizei auf dem Platz 45 Demonstranten, Sicherheitskreise sprachen von zwölf Toten. Sie seien getötet worden, als Demonstranten eine in der Nähe gelegene Polizeistation attackierten. Der Fernsehsender Al-Jazeera zeigte Bilder eines Hauses am Platz, das in drei Stockwerken lichterloh brannte.

Bewaffnete Bewohner der Viertel, durch die die Islamisten liefen, bauten Kontrollposten auf und lieferten sich Schusswechsel mit den Mursi-Anhängern. Über den Dächern von Kairo kreisten Polizei-Hubschrauber. Am Abend nahm die Polizei nach eigenen Angaben Islamisten fest, die in ihren Autos Waffen zum Ramses-Platz bringen wollten.

Auch in Alexandria und Tanta kam es zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Mursi-Anhängern. In Al-Arisch im Nord-Sinai griffen Islamisten öffentliche Gebäude mit Handfeuerwaffen und Panzerfäusten an. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurden dabei fünf Zivilisten und ein Polizist getötet und 18 Menschen verletzt.

Die Islamisten hatten zu neuen Protesten aufgerufen, nachdem ihre Protestlager in Kairo am Mittwoch gewaltsam von der Armee geräumt worden waren. Landesweit wurden an dem Tag mindesten 638 Menschen getötet , Tausende weitere verletzt. Noch immer fordern die Islamisten die Wiedereinsetzung Mursis, der seit seiner Absetzung durch die Armee am 3. Juli an einem geheimen Ort festgehalten wird.

Die Muslimbrüder riefen zu weiteren Demonstrationen auf und kündigten eine Woche der Proteste an. Im ganzen Land solle täglich demonstriert werden, bis Mursi wieder eingesetzt werde. 

Der Westen zeigt sich schockiert über die Eskalation des Konflikts. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande appellierten an die Dialogbereitschaft der Konfliktparteien und kündigten eine Sondersitzung der EU-Außenminister an. Die Bundesregierung setzte zudem 25 Millionen Euro an Hilfszahlungen für Klima- und Umweltprojekte in Ägypten aus. Vorerst werde es auch keine neuen Bewilligungen für Förderprojekte geben, sagte Entwicklungsminister Dirk Niebel.

Wegen der Unruhen hat das Auswärtige Amt zudem seine Reisehinweise für Ägypten verschärft . Neu ist, dass nun auch von Reisen in die Urlaubsgebiete am Roten Meer um Hurghada und Scharm el Scheich abgeraten wird.

Die meisten deutschen Veranstalter sagten bis Mitte September alle Reisen nach Ägypten ab . Auch viele andere EU-Länder gaben Reisewarnungen aus, die USA forderten ihre Bürger auf, Ägypten zu verlassen. Präsident Barack Obama hatte den harten Kurs der Übergangsregierung scharf verurteilt und eine gemeinsame Militärübung amerikanischer und ägyptischer Streitkräfte abgesagt.

Auch der UN-Sicherheitsrat rief nach einer Dringlichkeitssitzung alle Parteien auf, die Gewalt zu beenden. Alle Konfliktparteien müssten eine nationale Versöhnung anstreben.

In mehreren Staaten der arabischen Welt kam es zu Demonstrationen gegen das ägyptische Militär. In der türkischen Hauptstadt Ankara versammelten sich etwa 3.000 Menschen vor einer Moschee, gedachten der Getöteten und zogen anschließend zu den Botschaften Ägyptens sowie der USA.

Der Düsseldorfer Handelskonzern Metro schloss seine ägyptische Zentrale in Kairo. Auch die beiden Märkte des Unternehmens in der Hauptstadt seien geschlossen, sagte ein Metro-Sprecher. Eine Sprecherin des Chemie-Konzerns BASF erklärte, die Unternehmensbüros in Kairo und Alexandria sowie ein Produktionsstandort in Sadr-City mit insgesamt etwa 100 Mitarbeitern seien geschlossen worden.