Selten hat sich deutlicher gezeigt, wie machtlos der Westen im Nahen Osten ist. Ratlos und frustriert klingen die westlichen Appelle nach dem dritten und bisher schwersten Massaker der Sicherheitskräfte an den Muslimbrüdern.

Deutschland, Frankreich und Großbritannien bestellten die ägyptischen Botschafter ein. US-Außenminister John Kerry wiederholte das gemeinsame Mantra aller westlichen Amtskollegen, die neue Führung in Kairo müsse eine Lösung suchen, die alle politischen Lager tatsächlich miteinbezieht. US-Präsident Barack Obama sagte ein geplantes gemeinsames Militärmanöver mit Ägypten ab. Die Milliardenhilfen der Amerikaner an das ägyptische Militär ließ er unangetastet. Denn auch die Gegenleistung der ägyptischen Machthaber, Frieden mit Israel, hat einen hohen Wert. 

Allerdings ist das ägyptische Militär inzwischen längst nicht mehr so abhängig von den 1,3 Milliarden Dollar, die Jahr für Jahr aus Washington überwiesen werden. Die Summe nimmt sich geradezu klein aus im Vergleich zu den zehnfach höheren Beträgen, die die reichen Golfstaaten unter Führung von Saudi-Arabien innerhalb von Tagen nach dem Putsch zur Ägyptischen Zentralbank herüberschoben. 

Zudem ist China längst der wichtigste Handelspartner Ägyptens. Die Regierung in Peking aber stellt keine lästigen Fragen zu Menschenrechten, Folterpraxis in Gefängnissen und Missbrauch der Justiz.

Selbst Russland, wegen seiner Unterstützung von Syriens Baschar al-Assad in der arabischen Öffentlichkeit verfemt, findet plötzlich neue Sympathie. General Abdel Fattah al-Sissi, der neue Herrscher Ägyptens, wird behandelt, als sei er der Wiedergänger von Gamal Abdel Nasser. Damals in den fünfziger Jahren, so erinnern sich jetzt viele, sprang nach der Absage Washingtons der Kreml bei der Milliardenfinanzierung des gigantischen Assuan-Staudamms ein.

Schon nach dem Putsch  gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi hatte sich die Ohnmacht der westlichen Diplomaten offenbart. In aller Deutlichkeit erfahren hat dies der deutsche Außenminister Guido Westerwelle, der vor drei Wochen nach Ägypten gereist war, nach der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton und gefolgt vom US-Vizeaußenminister William Burns.

Ihn und die beiden anderen westlichen Spitzengesandten verband ein Hauptziel, die neue Führung Ägyptens im Machtkampf mit den Muslimbrüdern von einer gewaltsamen Lösung abzubringen.

Doch schon nach den ersten Gesprächsrunden war dem deutschen Besucher offenbar klar, dass man die ausländischen Diplomaten zwar höflich anhörte – mehr aber auch nicht. Ernsthafte Verhandlungen mit der Führung der Muslimbrüder wurden gar nicht erst versucht.

Stattdessen legte General al-Sissi mit seinem Appell an die Bevölkerung, ihm ein Mandat gegen den Terrorismus zu geben, das Fundament für einen brutalen Endkampf. Die Phase der Diplomatie sei vorbei, dekretierte das Präsidentenamt wenig später. Ägypten habe sowieso schon ein Übermaß an ausländischer Einmischung ertragen. Damit aber war der Weg für Armee, Polizei, Geheimdienst und die alte Mubarak-Garde frei, die Muslimbruderschaft ein für allemal aus der politischen Landschaft Ägyptens zu verbannen.