Das Gerichtsurteil gegen Silvio Berlusconi , den Chef der italienischen PdL (Volk der Freiheit), hat Sorge um die Regierungskoalition des Landes ausgelöst. Vertreter der großen Regierungsparteien PdL und die linke Demokratische Partei (PD), forderten sich gegenseitig auf, Verantwortungsbewusstsein zu zeigen und die Politik von dem Justizurteil zu trennen. Minister und Parlamentarier äußerten die Hoffnung, dass das Urteil gegen den Senator und Medienunternehmer Berlusconi die Regierungskoalition von Premier Enrico Letta nicht gefährdet. 

Er hoffe darauf, dass die große Koalition weitermachen könne, sagte der für Regionales zuständige Minister Graziano Delrio. Ob die Regierung das Vertrauen habe, müsse das Parlament entscheiden. "Wir müssen heute alle mit einem großem Verantwortungsbewusstsein die Interessen des Landes nach vorne rücken", so warnte die PD-Abgeordnete Alessandra Moretti vor einem eventuellen Sturz der Regierung Letta. Berlusconi werde die Stabilität der Regierung niemals zur Diskussion stellen, äußerte sich der PdL-Parlamentarier Gianfranco Rotondi überzeugt. 

Ministerpräsident Letta und Staatspräsident Giorgio Napolitano hatten mit einem Ruf nach Gelassenheit auf das Urteil reagiert. PD-Chef Guglielmo Epifani kündigte an, seinen rechten Koalitionspartner PdL jetzt genau zu beobachten. "Wir warten ab und schauen, was geschieht", sagte er.

Der Anführer der größten Oppositionsbewegung Fünf Sterne (M5S), Beppe Grillo, verglich die Verurteilung des politischen Gegners mit dem Fall der Berliner Mauer. Berlusconi sei wie eine Mauer gewesen, die Italien von der Demokratie getrennt habe, sagte der Populist.  

Erregt und verbittert

Die Koalition war im Frühjahr nur unter großen Problemen und nach mehreren Vermittlungsversuchen des Staatspräsidenten zustande gekommen. Mit ihr verbindet sich die Hoffnung, dass Italien aus der tiefen Wirtschaftskrise kommt und seine Staatsfinanzen in Ordnung bringen kann.

Der Medienunternehmer und Politiker Berlusconi war nach Dutzenden von Prozessen erstmals rechtskräftig verurteilt worden – als  krimineller Steuerbetrüger. Er muss wegen seines Alters von 79 Jahren aber nicht ins Gefängnis. Er kann den Sommer über abwägen, ob er Sozialdienst leisten oder aber in einer seiner Villen unter Hausarrest gestellt sein will.   

Reisepass eingezogen

Verbittert und erregt hatte Berlusconi in einer Videobotschaft auf das Urteil reagiert. Sein Einsatz für das Land werde nicht gewürdigt, er werde zum Opfer verantwortungsloser Gewaltattacken der "roten" Justiz gemacht, beklagte er. Ein Teil der Richter sei "verantwortungslos", die Prozesse gegen ihn nannte er eine "wirkliche und wahre juristische Verbissenheit" ohnegleichen.

Am Abend will er mit den Fraktionschefs die heikle Lage erörtern.

Der Exregierungschef hatte zudem angekündigt, seinen "Kampf für die Freiheit" fortzusetzen und nach dem Sommer seine frühere Partei Forza Italia, mit der er vor knapp 20 Jahren in die Politik eingestiegen war, neu aufleben zu lassen.

Berlusconis Reisepass wird eingezogen. Ob er seinen Diplomatenpass als früherer Regierungschef abgeben muss, entscheidet das Außenministerium in Rom .