Das Urteil gegen Silvio Berlusconi im Mediaset-Prozess hat in zweierlei Hinsicht eine historische Bedeutung: Zum einen, weil der ehemalige Regierungschef nach achtzehn Gerichtsverfahren und einem zwanzigjährigen Krieg gegen die Judikative zum ersten Mal eine klare Niederlage einstecken musste. Zum anderen, weil das Gericht in Rom am Donnerstagabend bestätigte, dass Berlusconi in seiner Amtszeit als Ministerpräsident ein komplexes Netzwerk leitete, das dazu diente, Steuergelder in Millionenhöhe zu hinterziehen.

Bis zum bitterem Ende hatte sein Verteidiger, der Staranwalt Franco Coppi, versucht, die Richter davon zu überzeugen, dass es sich um einen Fall von "enormer Steuerhinterziehung" handele, diese jedoch eine eher verwaltungs- und nicht strafrechtliche Angelegenheit sei. Das Oberste Gericht, bislang selbst von Berlusconi als letztes Bollwerk der Justiz angesehen, widerlegte diese These und prangerte damit die Verflechtung politischer und wirtschaftlicher Interessen an, die hinter Berlusconis Machtapparat steckt.

Doch die politischen Konsequenzen des Urteils werden bald seine gerichtliche Bedeutung überschatten. Wie der Expremier blickt nun auch Italien mit Besorgnis in die Zukunft. Denn das Urteil könnte das Land erneut ins Regierungschaos stürzen.

Ende der Koalition möglich

Zwar versuchte Ministerpräsident Letta die Parteien der großen Koalition zur Besonnenheit aufzurufen: "Die Interessen Italiens müssen auf jeden Fall vor den Interessen der einzelnen Parteien stehen", sagte er nach der Verkündung des Urteils. Doch die Stimmen derjenigen, die in Berlusconis PDL so wie in der Demokratischen Partei (PD) Lettas für eine Auflösung der großen Koalition plädieren, werden immer lauter.

Bislang versicherten sowohl Vertreter von PDL als auch der PD, dass die Stabilität der Regierung überhaupt nicht infrage stehe. Die Atmosphäre in der Koalition hat sich allerdings in wenigen Stunden dramatisch geändert.

Bis zum Donnerstagabend gab sich Berlusconi zur Überraschung Vieler ruhig und kleinlaut. Es soll Coppi gewesen sein, der ihm empfahl, auf die üblichen Tiraden gegen die Richter zu verzichten. Nach dem Urteil legte der ehemalige Ministerpräsident die Maske schnell ab.