In Ägypten gibt es Anzeichen einer leichten Entspannung. Unter dem Druck westlicher Vermittler signalisierten die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi erstmals Mäßigung und Kompromissbereitschaft. Die vom Militär eingesetzte Übergangsregierung machte im Gegenzug deutlich, dass sie derzeit keine Stürmung der Protestcamps in Kairo plant. Beide Seiten hatten zuvor mit dem Gesandten der USA, dem Vize-Außenminister William Burns, über konkrete Schritte zur Auflösung der politischen Blockade verhandelt. 

Die Pro-Mursi-Allianz erkannte erstmals an, dass Millionen Menschen aus Unzufriedenheit mit den Muslimbrüdern gegen die schleichende Islamisierung und die Wirtschaftsmisere in Ägypten protestiert hatten. "Ich respektiere und halte die Forderungen der Massen in Ehren, die am 30. Juni auf die Straße gegangen sind", sagte ein Sprecher der Allianz. Nötig sei eine Lösung, die alle Wünsche des Volkes respektiere. Die Allianz sei bereit zu Verhandlungen mit der Nationalen Heilsfront, in der die weltlichen Parteien der Übergangsregierung zusammengeschlossen sind.

Die Regierungsgegner halten nicht mehr zwingend daran fest, dass Mursi , der an einem unbekannten Ort festgehalten wird, als Präsident wieder eingesetzt wird. Das sei ein Detail für künftige Gespräche, sagte der Sprecher der Pro-Mursi-Allianz – und damit nur noch Verhandlungsmasse, vermuten westliche Diplomaten. Doch die Allianz hält an zwei Forderungen fest: Die vom Militär ausgesetzte Verfassung müsse wieder in Kraft gesetzt werden und Armeechef Abdel Fattah al-Sissi dürfe nicht am Dialog beteiligt werden.

Die Übergangsregierung verlangt zwar weiterhin die Schließung der beiden Camps von Mursis Anhängern in Kairo, machte aber deutlich, dass sie auf deren Blockade setze und nicht auf eine Stürmung. Die Suche nach einer friedlichen Einigung könne jedoch nicht endlos dauern, teilte der Nationale Verteidigungsrat mit. Ägyptens oberstes Sicherheitsgremium drohte, dass auch bei einer Verhandlungslösung "Gesetzesbrecher" und andere, die gegen den Staat hetzten, nicht straflos davonkommen würden. Am Samstag hatte das Innenministerium den Demonstranten bei einer Aufgabe der Lager freies Geleit und eine "politische Integration" zugesichert.

"Zum Zusammenleben verdammt"

Interimsvizepräsident Mohammed ElBaradei sagte im Fernsehen: "Es gibt keine Lösung in Ägypten, die sich auf Ausschluss gründen kann. Salafisten, Muslimbruderschaft, Säkulare, Liberale und wer auch immer – wir sind zum Zusammenleben verdammt."

Außenminister Fahmi sagte, die Regierung habe kein Interesse daran, Gewalt gegen Mursis Anhänger anzuwenden, solange noch nicht alle Mittel ausgeschöpft seien. Für alle politischen Kräfte einschließlich der Muslimbrüder stehe die Tür offen, am politischen Prozess teilzunehmen.

US-Vizeaußenminister Williams Burns verlängerte seinen Aufenthalt in Kairo um einen Tag, um auch noch mit Armeechef al-Sissi und Ministerpräsident Hasem al-Beblawi zu sprechen. Ein Mitglied der Delegation der Muslimbrüder sagte, dass auch sie weitere Gespräche mit Burns führen würden. Der Außenminister von Katar, Chalid al-Atija, ist ebenfalls zu Vermittlungsgesprächen in Kairo eingetroffen; das Golfemirat pflegt ausgezeichnete Beziehungen zur Muslimbruderschaft.

Salafistische Kleriker als Vermittler

Armeechef al-Sissi hält eine gewaltfreie Beilegung der Krise für möglich. "Es besteht noch die Chance auf eine friedliche Lösung, vorausgesetzt dass Gewalt vermieden wird", zitierte ihn ein Armeesprecher von einem Treffen mit islamistischen Geistlichen. Die vier salafistischen Kleriker, mit denen al-Sissi sprach, gehören nicht der Muslimbruderschaft an und dürften eine Vermittlerrolle spielen.

Der prominenteste von ihnen, der Prediger Mohammed Hassan, sagte ägyptischen Medien: "Al-Sissi versprach uns bei dem Treffen, dass die Dauerproteste nicht mit Gewalt aufgelöst würden, aber er verlangte auch, dass die Demonstranten friedlich bleiben und keine anderen Plätze besetzen."

In einem Interview mit der Washington Post schloss al-Sissi für sich das Präsidentenamt aus; er strebe nicht nach Herrschaft. Er verlangte von den USA, auf ein Ende der Proteste zu dringen: "Die US-Regierung hat großen Einfluss auf die Muslimbrüder sowie viele Möglichkeiten, Druck auszuüben."