In Griechenland, Spanien, Portugal und sogar Italien steigt die soziale Unruhe, radikale Parteien gewinnen Zulauf. Ein Wunder ist das nicht angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist horrend: 60 Prozent in Griechenland, 57 Prozent in Spanien.  

Es wächst da eine ganze Generation in grauer Hoffnungslosigkeit auf. Wieso sollte sie an der Demokratie hängen, wenn die ihnen keine Aussichten, keine Lebenschancen, keine Aufstiegsmöglichkeiten bietet? 

Der Zufall hat es so gefügt, dass ich am vergangenen Wochenende in Berlin ein Seminar der Bucerius Summer School on Global Governance zu leiten hatte. 60 young leaders aus 27 Nationen beschäftigten sich dabei mit dem Thema Europa und disputierten intensiv mit Fachleuten aus fünf europäischen Ländern ein Thema, das in der internationalen Presse auch heute wieder – und wohl noch lange Zeit – Schlagzeilen macht.

Den Vorwurf, die Deutschen seien knickerig, konnte ein Vertreter der Bundesregierung dabei leicht entkräften. Die deutschen Garantien für die verschiedenen Euro-Rettungspakete beliefen sich inzwischen auf ein Jahresbudget der Bundesregierung (2012: rund 311 Milliarden Euro). Das ist, wie die Schwaben sagen würden, kein Nasenwasser.  

Und die Garantie-Summen werden steigen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat die Katze aus dem Sack gelassen: Bald ist ein drittes Hilfspaket für Griechenland fällig; die Rede ist von einem "kleinen zweistelligen Milliardenbetrag", etwa zehn Milliarden Euro. Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sprach am Sonntag von einer "Haftungsunion"

Aber kann das ausreichen? Braucht es nicht mehr? Zum Beispiel einen weiteren Schuldenschnitt? Eine spürbare Verlängerung der Fristen für die Rückzahlung der verbleibenden Schulden? Und überhaupt: ein Wachstumsprogramm, das Griechenlands Wirtschaft zu neuer Wettbewerbsfähigkeit verhilft?

Ein weiterer Schuldenschnitt wird kaum zu umgehen sein, auch wenn derzeit noch niemand ernsthaft darüber reden mag. Das wird die öffentlichen Gläubiger kosten, ebenso die Banken, die zwar schon einiges abschreiben mussten, aber sich an den verbleibenden Rückzahlungen wegen der Zinsdifferenzen eine goldene Nase verdienen.   

Am Ende werden wohl alle in den sauren Apfel beißen müssen. Und es bedarf definitiv einer Verlängerung der Rückzahlungsfristen. Gerade wir Deutschen sollten da nicht kleinlich sein. 

Unser Wirtschaftswunder in den fünfziger Jahren wurde auch dadurch möglich, dass uns die Siegermächte im Londoner Schuldenabkommen von 1953 die Hälfte unserer Schulden erließen – zum Teil noch Reparationsverpflichtungen aus dem Versailler Vertrag, zum Teil Nachkriegskredite – und uns obendrein für die Tilgung des Rests 50 Jahre Frist einräumten.

Kaum einer weiß hierzulande, dass wir die letzte Tranche erst am 3. Oktober 2010 überwiesen haben. Sollten wir gegenüber den Griechen nicht dieselbe Großherzigkeit an den Tag legen, wie sie damals die Alliierten uns Deutschen bezeigt haben? Ich denke: Wir sollten.

Aber auch das reicht noch nicht aus. Was darüber hinaus nottut, ist ein Wachstumsprogramm, das Beschäftigung schafft – ein Projekt etwa, das den Sonnenstaat Griechenland zum gewichtigen Energie-Versorger des Balkans und Mitteleuropas macht; gezielte Mittelstandskooperation und engere Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung auch.

Nur so wird sich verhindern lassen, dass die Griechen, zumal die jungen Griechen in ihrer Verzweiflung, sich wieder von der Demokratie abwenden. Es wäre ein böses Omen für Südeuropa und für ganz Europa.

Es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass die Bundesregierung zu der bald beginnenden Europa-Debatte mehr beiträgt als bloß den stereotypen Schlachtruf "Stabilität". 

Wie der bulgarische Intellektuelle Ivan Krastev den Bucerius-Seminaristen ins Stammbuch schrieb: "Finanzielle Stabilität – das ist kein Konzept für den Süden. Dort bedeutet es: Alles bleibt schlecht."