Ägyptens Regierung hat erste offizielle Angaben dazu gemacht, wie viele Menschen während der Räumung von Protestlagern im Land getötet worden sind. Mindestens 149 Menschen seien ums Leben gekommen, außerdem landesweit mehr als 500 verletzt, teilte das Gesundheitsministerium mit.

Die Polizei hatte am frühen Morgen damit begonnen, Anhänger des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi gewaltsam aus ihren Zeltlagern zu vertreiben. Die Angaben über Tote und Verletzte gingen weit auseinander. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP zählte alleine auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz in Kairo 124 Leichen. Die Muslimbrüder sprachen am Morgen von mehr als 200 Getöteten und etwa 5.000 Verletzten.

Das ägyptische Militär feuerte immer wieder auf die Mursi-Anhänger. Diese hatten die Soldaten zuvor mit Steinen und Brandsätzen beworfen und versucht, zu einem Protestlager der Muslimbrüder vorzudringen, das von den Sicherheitskräften geräumt wurde. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters sah etwa 20 Menschen, denen in die Beine geschossen wurde. Ein anderer Journalist berichtete , dass Scharfschützen gezielt auch auf zwei Kameraleute schossen, die daraufhin starben. Auch der britische Sender Sky News meldete den Tod eines Kameramanns. Ob es sich dabei um einen der beiden zuvor gemeldeten toten Journalisten handelte, ist bisher unklar.  

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Bewohner des Viertels Nasr-City in Kairo sagten, die Einsatzkräfte hätten rund um die Zeltstadt fortwährend Tränengas-Granaten und Gummigeschosse abgefeuert. Korrespondenten vor Ort berichteten, dass auch einzelne Demonstranten bewaffnet seien und das Feuer von Polizei und Militär erwiderten.

Zuvor waren mehrere umliegende Straßen blockiert worden. Der Zugverkehr von und in die Hauptstadt wurde eingestellt und zahlreiche Straßen abgeriegelt. Auf Straßen zum Flughafen errichteten Armee und Polizei Straßensperren.

Die Ausschreitungen griffen auch auf andere Regionen des Landes über. Islamisten attackierten in Oberägypten drei Kirchen. Das berichteten die amtliche Nachrichtenagentur Mena und christliche Aktivisten in Kairo. Ihren Angaben zufolge legten die Angreifer Feuer vor den Gotteshäusern in den Provinzen Minia und Sohag und warfen Brandsätze.

Der Fernsehsender Al-Dschasira berichtet von Schüssen in den Camps und Bulldozern, die gegen die Barrikaden eingesetzt wurden. Augenzeugen zufolge schossen sowohl Polizei als auch Mursi-Anhänger. Demnach stiegen über den Lagern schwarze Rauchwolken auf. Augenzeugen und Korrespondenten berichteten von Scharfschützen auf Dächern, die in die Lager schossen.

Wenige Minuten nach Beginn des Einsatzes hatte die Polizei eine Erklärung an die Demonstranten veröffentlicht: Wer jetzt das Lager verlasse, werde nicht festgenommen, wenn kein Haftbefehl vorliege, hieß es darin. Die Polizei warnte die Anhänger von Expräsident Mursi davor, "Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde einzusetzen".

Gleichzeitig hatte das Ministerium erklärt, für die beiden Zeltlager am Al-Nahdha-Platz im Stadtteil Giza und vor der Rabea-al-Adawija-Moschee in Nasr-City gebe es jeweils nur noch einen Ausgang. Alle anderen Straßen seien gesperrt worden. Am Mittwochmorgen hatten daraufhin Dutzende Anhänger Mursis, darunter vor allem Frauen, die Lager verlassen. Andere hatten sich auf den Barrikaden und an den Eingängen in Stellung gebracht.

Drei Stunden nach Beginn der Räumungsaktion teilte das Innenministerium am Vormittag mit, die Polizei habe den Al-Nahdha-Platz im Stadtteil Giza unter Kontrolle gebracht. Derweil stürmten bewaffnete Islamisten mehrere Verwaltungsgebäude in der ägyptischen Stadt Al-Arisch und vertrieben die Mitarbeiter. Sie begründeten ihr Vorgehen mit der Räumung der Camps in Kairo.