Barack Obama sieht keine andere Wahl mehr – er muss handeln: Mit dem Giftgasangriff auf die eigene Bevölkerung hat Syriens Herrscher Baschar al-Assad die rote Linie für ein amerikanisches Eingreifen überschritten. Politische Gegner kritisieren den US-Präsidenten schon lange für sein Zögern, allen voran der republikanische Senator John McCain. Rechte wie linke Medien verlangen nun Konsequenzen. Es gibt nur ein Problem: Die Bevölkerung ist kriegsmüde.

Ein Eingreifen in Syrien sei noch unpopulärer als der notorisch zerstrittene Kongress, spottet Max Fisher in der Washington Post. Ihren Volksvertretern bescheinigten in einer Gallup-Umfrage im August 14 Prozent der Amerikaner gute Arbeit. Nur neun Prozent fanden dagegen in der jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos und der Agentur Reuters, dass die USA sich in den syrischen Bürgerkrieg einmischen sollten – 60 Prozent sprachen sich dagegen aus. Die Umfrage stammt aus der Woche vom 19. bis 23. August.

Obamas Kabinettsmitgliedern bleibt nicht viel Zeit, um nach der Eskalation den Sinn eines militärischen Eingreifens zu verkaufen. Außenminister John Kerry machte den Anfang, als er die Anwendung chemischer Waffen gegen Zivilisten am Montag "eine moralische Obszönität" nannte, die "das Gewissen der Welt erschüttern sollte".

Umfragen aus der Zeit vor dem Giftgasangriff

Nach dem Chemiewaffenangriff, den die USA, Großbritannien und Frankreich als erwiesen ansehen, könnte die Stimmung in der Tat kippen. In der Ipsos/Reuters-Umfrage lag die Zustimmung für ein Eingreifen in einem solchen Fall immerhin bei 25 Prozent. Das war allerdings niedriger als noch in der Vorwoche, als 30 Prozent eine Intervention nach dem Einsatz von Giftgas befürwortet hatten.

"Alle diese Umfragen stammen aus der Zeit vor dem Giftgasangriff", warnt allerdings Anthony Cordesman, Nahost-Experte am Center for Strategic and International Studies. "Ob die Regierung ihr Handeln verkaufen kann, wird erst klar sein, wenn der Präsident seine Erklärung abgegeben hat, wenn die geheimdienstlichen Erkenntnisse und die konkreten Optionen vorliegen." Die Meinungsforscher hätten nicht nach Luftschlägen gegen militärische Ziele gefragt, die nun in Vorbereitung sind. So sei der Eindruck entstanden, es sei von einer Invasion die Rede.

Die Zeiten, in denen Invasionen beliebt waren, sind lange vorbei. Mehr als 80 Prozent der Amerikaner unterstützten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 den Feldzug gegen die Taliban in Afghanistan. Zu Beginn des Irak-Krieges 2003 wusste der republikanische Präsident George W. Bush mindestens die Hälfte der Bevölkerung hinter sich. Aber nach mehr als einem Jahrzehnt von Kriegen, die auch auf amerikanischer Seite viele Opfer forderten, überwiegt die Skepsis. Die Unterstützung der Nato-Luftschläge in Libyen 2011 erreichte nie die 50-Prozent-Schwelle und sank schnell, als die Lage dort chaotisch blieb.