Nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff der syrischen Armee wird ein Militärschlag der USA und anderer Staaten wahrscheinlicher. Die US-Armee stehe zum Angriff bereit und warte auf den Befehl von Präsident Barack Obama , sagte US-Verteidigungsminister Chuck Hagel. Frankreichs Staatspräsident François Hollande kündigte an, die Verantwortlichen in Syrien "zu bestrafen".

Die USA, Großbritannien und Frankreich sowie die Arabische Liga beschuldigen das syrische Regime, mit dem Einsatz von Giftgas Hunderte Menschen getötet zu haben. Die US-Regierung hat nach eigenen Angaben keine Zweifel an der Verantwortung des Assad-Regimes für den Chemiewaffenangriff in der vergangenen Woche. US-Vizepräsident Joe Biden sagte, der Gebrauch von Chemiewaffen in Syrien dürfe nicht ohne Folgen bleiben.

Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, sagte, ein möglicher Militäreinsatz gegen Syrien ziele nicht auf den Sturz von Staatschef Baschar al-Assad. "Die Optionen, die wir erwägen, drehen sich nicht um einen Regimewechsel". Eine Ablösung Assads könne nur das Ergebnis politischer Verhandlungen sein.

Auch der britische Regierungschef David Cameron und sein Stellvertreter Nick Clegg betonten, dass mögliche militärische Schritte gegen Syrien mit dem vermuteten Einsatz von Chemiewaffen durch das Regime zusammenhängen. In London wurde das Parlament für eine Sondersitzung am Donnerstag aus dem Urlaub geholt.

Die USA können offenbar auch auf die Hilfe von der Türkei bauen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hielt sich die Entscheidung über eine deutsche Beteiligung weiter offen.

Syriens Schutzmacht Russland , die ein gemeinsames Vorgehen der Staatengemeinschaft im UN-Sicherheitsrat immer wieder blockiert hatte, warnte mit scharfen Worten vor einem Militärschlag. Auch nach Ansicht des Irans würde ein Angriff gegen Syrien ein Chaos im gesamten Nahen Osten auslösen.

Baldige Beweisvorlage

Carney verwies auf die völkerrechtliche Dimension des vermuteten Giftgasangriffs mit Hunderten Toten nahe Damaskus. Die USA und 188 weitere Staaten hätten den Einsatz von Chemiewaffen in einem verbindlichen Abkommen geächtet. Diese internationalen Normen müssten weltweit beachtet werden. Wer sie verletze, müsse mit einer Antwort rechnen.

Die US-Regierung will noch diese Woche offiziell Beweise dafür vorlegen, dass syrische Truppen für den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff verantwortlich waren. Der Washington Post zufolge könnte es bereits am Donnerstag so weit sein. Derweil ist in Syrien ein Team von UN-Inspekteuren unterwegs, um Beweise zu sammeln und Zeugen zu befragen.

Giftgaslager sind keine möglichen Angriffsziele

US-Außenminister John Kerry hatte am Montag mitgeteilt, es gebe unwiderlegbare Beweise für den großangelegten Chemiewaffeneinsatz, hinter dem aller Wahrscheinlichkeit nach Assads Armee stehe. Syrien bezichtigte Kerry daraufhin der Lüge und die Vorwürfe als absurd. Außenminister Walid al-Moallem warnte zudem, sein Land werde sich im Falle eines Militärschlages mit allen verfügbaren Mitteln verteidigen.

Die wahrscheinlichste Variante eines Militärschlags ist nach Angaben aus US-Regierungskreisen ein Angriff mit Mittelstrecken-Raketen auf militärische Ziele in Syrien – etwa Waffenlager, Kommandozentralen sowie Radaranlagen und Kommunikationseinrichtungen. Abgefeuert werden könnten sie von vier US-Zerstörern im östlichen Mittelmeer. Ausgenommen bleiben dürften aber die Lager für chemische Kampfstoffe, um eine großflächige Freisetzung der Gifte zu verhindern.

Beobachter bezweifeln, dass ein Militärschlag stattfindet, solange die UN-Waffeninspekteure noch im Land sind. Deren Mission dürfte sich nach Angaben einer UN-Sprecherin noch länger als die geplanten 14 Tage hinziehen. Nachdem ein Jeep des Teams von Scharfschützen beschossen worden war, musste ein zweiter Besuchstermin am gestrigen Dienstag wegen Sicherheitsbedenken verschoben werden.