Die Freiheit kam überraschend und unerwartet. Vergangenen Mittwoch wurde Nasrin Sotoudeh (50) nachmittags von Mitarbeitern des am Stadtrand von Teheran gelegenen Evin-Gefängnisses vor ihrem Haus abgesetzt. "Zunächst hieß es, ich hätte nur Hafturlaub. Doch dann fuhr unser Auto durch das große Eingangstor des Gefängnisses und sie sagten mir, ich wäre jetzt frei", berichtet Sotoudeh am Telefon.

Die Menschenrechtsanwältin war seit dem 4. September 2010 in Gefangenschaft. Im Januar 2011 verhängte das Revolutionsgericht in Teheran eine elfjährige Freiheitsstrafe gegen sie wegen "Propaganda gegen das Establishment" und "Angriffe auf die nationale Sicherheit". Während der Proteste gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen 2009 verteidigte Sotoudeh oppositionelle Aktivisten und Politiker. Darunter befand sich auch die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die seitdem im Exil lebt und sich von dort aus immer wieder für die Freilassung Sotoudehs einsetzte.

Sotoudeh kämpfte  intensiv für die Rechte von Frauen und Kindern, besonders gegen die Hinrichtung von Minderjährigen. Sie ist außerdem Mitglied im Center for the Defense of Human Rights (CDHR), einer Organisation, die sich mit Kampagnen wie der "One Million Signatures"-Kampagne gegen die Diskriminierung von iranischen Frauen stellt. Mit Sotoudeh wurden auch zwei ehemalige Minister unter Chatami vorzeitig aus der Haft entlassen – Vizeaußenminister Mohsen Aminsadeh und Vizehandelsminister Fejsollah Arabsorchi, die sich ebenfalls im Zuge der Proteste von 2009 gegen die Wiederwahl Ahmadinedschads als neuen Präsidenten einsetzten.  

Nouripour: "Noch sind Hunderte in den Gefängnissen"

Woher die plötzliche Haftverkürzung der Anwältin kommt, bleibt ungewiss. Omid Nouripour, gebürtiger Iraner und sicherheitspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, interpretiert sie als ein Signal der neuen Regierung an die Weltöffentlichkeit. Er räumt aber ein, dass dies nicht mehr als ein erster Schritt ist: "Sotoudeh ist die prominenteste iranische Gefangene, aber weitere Hunderte sind immer noch in den Gefängnissen." Solange diese Menschen eingesperrt sind, kann nicht vom "iranischen Frühling" gesprochen werden, so der Politiker. Nouripour glaubt an die Entspannungssignale aus Teheran, auch in Hinblick auf Ruhanis Rede am Dienstag vor der UN-Vollversammlung in New York: "Ich kann mir vorstellen, dass sich mit Ruhani etwas ändert, weil es so nicht mehr weitergeht. Aber die Frage ist auch: Wie weit darf er gehen? Wie weit will er gehen?"    

Er will den neuen Präsidenten beim Wort nehmen: "Wir werden weiter Druck machen beim Thema Menschenrechte. Die Freilassung von Sotoudeh und anderen ist ein Ventil – und es werden andere folgen müssen, damit glaubhaft wird, dass Ruhani das ernst meint, dass die Menschen mehr persönliche und politische Freiheiten bekommen."