Es war ein Gipfel der Schwäche. Eigentlich wollten die Staatschefs der 20 wichtigsten Länder der Erde in Sankt Petersburg geschlossen ihre Fähigkeit beweisen, die Probleme der Weltwirtschaft zu lösen. 

Doch dann wurde für viele der Regierungschefs die Krise in Syrien, so ist zu ahnen, zum Nervtöter unter den Gipfelthemen. Im Konstantinpalast an der Newa-Bucht tagte eine Runde der Zerstrittenen, Müden und Mit-sich-selbst-Beschäftigten.

Vor sieben Jahren kamen die G-8-Staatschefs am selben Ort zusammen. Seither hat sich die Welt rapide verändert: Sie ist vielgestaltiger geworden, doch die Multipolarität, die sich Russland wünschte, macht das Regieren komplizierter. Damals, 2006, standen in mancher umstrittenen Frage sieben gegen einen: Präsident Wladimir Putin war isoliert. Zuweilen wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgetragen, ihn aus der Schmollecke zu locken.

Heute zählt Putin voller Genugtuung die Länder auf, die wie Russland einen Militärschlag "kategorisch ablehnen": Indonesien, China, Indien, Südafrika, Argentinien, Brasilien und Italien. Deutschland verhalte sich immerhin vorsichtig. Sogar den Papst führte Putin als Zeugen der richtigen Position Russlands an. "Die Mehrheit war auf unserer Seite", sagte er. 

Nur die USA, Kanada, Saudi-Arabien, Frankreich und die Türkei wollten eine "Ausweitung des Konflikts". Und diese Länder, fügte Putin an, hätten nicht einmal die eigene Bevölkerung hinter sich.

Putin geht es um Selbstbestätigung

Doch dieser Triumph ging auf Kosten des Gipfels. Gastgeber Russland versuchte erst gar nicht, der Syriendebatte in der Rolle eines Vermittlers neuen Schub zu geben. Es ging Putin vor allem um Selbstbestätigung. Sein Angebot vor dem Gipfel, Russland könne einer Militäroperation mit UN-Mandat doch zustimmen, entlarvte sich schnell als taktisches Manöver.

Zumal das russische Außenministerium in den vergangenen Tagen die amerikanische Position, die einen Militäreinsatz anstrebt, mit einem Sperrfeuer aus Presseerklärungen widerlegte. Es veröffentlichte eigene Untersuchungsberichte über einen angeblichen früheren Giftgaseinsatz aus den Reihen der Aufständischen in Syrien. Es beklagte außerdem, dass das US-Außenministerium mehrfach um ein Telefonat gebeten und im letzten Moment zurückgezogen habe. Zum Schluss legte Russland der Weltgemeinschaft die Beweise der syrischen Klostervorsteherin Agnes Mariam as-Salib ans Herz, die belegen sollen, dass alles eine Provokation der syrischen Opposition gewesen sei.

Russland fürchtet einen US-Militärschlag gegen Syrien nicht nur aus geopolitischen Gründen. Schon jetzt kämpfen die aufstrebenden Volkswirtschaften gegen einen Abfluss an Kapital. Es war eines der weniger beachteten Wirtschaftsthemen des Gipfels. Die Flucht der Investoren würde sich in einer Weltkrise um Syrien noch verschärfen. Wenn zudem Europa, von dessen wirtschaftlicher Gesundung Russland stark abhängt, in Turbulenzen geriete, könnten sogar emporschnellende Ölpreise Russlands Verluste kaum ausgleichen. Doch Putins Einfluss auf das Regime Assads und auf die amerikanische Position ist gering.

Merkel verweigert Obama die Unterschrift

Die Amerikaner wiederum haben sich in der Glaubwürdigkeitsfalle verfangen. Ein Militärschlag in Syrien scheint unausweichlich, um Präsident Obama nicht schwach aussehen zu lassen. Doch er würde Syrien, wie russische Kommentatoren beklagen, dem Ende des Bürgerkriegs keinen Schritt näher bringen. Obama verspätete sich in Sankt Petersburg um eine Stunde zum Arbeitsmittagessen. Er hatte die Zeit gebraucht, um Mitglieder des Kongresses von seiner Position zu überzeugen. Als wollte er unterstreichen, dass nicht in Russland über Krieg und Frieden entschieden wird.

Ist der amerikanische Militärschlag nun unabwendbar? Bundeskanzlerin Angela Merkel setzt darauf, dass er bis zur Veröffentlichung des Interimsberichts der UN-Inspekteure ausbleibt. Zehn Länder bekannten sich zu Obamas Linie, Deutschland verweigert als einziges europäisches Land die Unterschrift. Merkel mahnte einen "politischen Prozess" an. Dafür habe es auf dem Gipfel eine breite Übereinstimmung gegeben.   

In Vilnius ersuchen die EU-Außenminister, eine einheitliche Linie zu ziehen. Am Samstag folgt ein Treffen der Europäer mit US-Außenminister John Kerry. Am Montag fliegt der Außenminister Syriens nach Moskau. Aber nur Optimisten setzen darauf, dass das Versagen des G-20-Gipfels noch zum Weckruf für die Weltgemeinschaft werden könnte.