"Iran beim Wort nehmen", fordert Kollege Matthias Naß in seiner gestrigen Kolumne – wie es vor einem Vierteljahrhundert Außenminister Genscher mit Blick auf Gorbatschow vorbuchstabiert hat.

Richtig, aber es entscheidet nicht das Wort, sondern die Tat. Bei Gorbatschow hat es funktioniert: 1987 rang er sich dazu durch, die sowjetischen SS-20-Raketen und Backfire-Bomber abzuwracken, die zur Nachrüstung der Nato geführt hatten. Nur: Die historische Konzession war tödlicher Schwäche geschuldet; vier Jahre später gab es die Sowjetunion nicht mehr. 

Dennoch drängt sich eine Parallele zum Iran auf: Das "Land der Arier" steckt im Würgegriff der Sanktionen. Die Inflation liegt bei 30 Prozent, die Arbeitslosigkeit ebenso (offiziell bei 16 Prozent), die Industrie-Produktion ist im Vorjahr um sechs Prozent geschrumpft. In der Außenpolitik ist die Islamische Republik weitgehend isoliert.

Ein Blick auf solche Zahlen lässt ahnen, warum der neue Präsident Hassan Ruhani Töne anschlägt, die seit der chomeinistischen Revolution von 1979 nicht gehört worden sind. Am Dienstag verkündete er auf der UN-Vollversammlung: "Kernwaffen haben keinen Platz in Irans Sicherheitsdoktrin", sie stünden im Widerspruch zu Religion und Ethik. Also wolle sein Land "sofort" in  Verhandlungen eintreten, um "gegenseitiges Vertrauen" aufzubauen.

Hören wir andererseits, was Hamid-Reza Taraghi zu sagen hat, der Mann, der als inoffizielles Sprachrohr des Religionsführers Chamenei gilt: "Wir haben keinerlei Absicht, uns zu ändern. Unsere Ideologie bleibt die gleiche. Iran wird selbst nach möglichen Verhandlungen so bleiben, wie es ist." Der Religionsführer wolle allerdings Amerika eine "Gelegenheit bieten, seine Politik zu verändern".

Das mag ein klassisches Vorgeplänkel zur Stärkung der iranischen Verhandlungsposition zu sein. Lassen wir deshalb die historischen Fakten sprechen, die höchste Skepsis gebieten. Verhandelt wird seit zehn Jahren ohne Ergebnis – außer, dass Teheran die Zeit nutzte, um sein Atomwaffen-Programm zügig auszubauen. Wahrscheinlich hat es jetzt schon alle Materialien beisammen, um ein paar Bomben zusammenzubauen.

Gehen wir weiter zurück. Das Fundament hat nicht etwa die Revolution gelegt. Sondern der Schah, ein guter Freund des Westens, der in den siebziger Jahren einen kompletten Brennstoff-Kreislauf in Auftrag gab: Anreicherung, Reaktoren, Plutonium-Wiederaufarbeitung.

Inzwischen besitzt Iran ein reichhaltiges Arsenal: Grundlagen-Forschung, Uran-Konversion, Anreicherung, Wiederaufarbeitung, Waffen-Design, Testlabore.

Wo es langgeht, nämlich ins Militärische, zeigen zum Beispiel die unterirdischen, schwer verbunkerten Anlagen in Fordow und Natans. Hier laufen die Anreicherungszentrifugen auf Hochtouren – in Fordow unter sechzig Metern Gestein. Damit einzelne Glieder in der Kette nicht einem Angriff zum Opfer fallen, haben die Iraner Redundanzen – mehr vom Gleichen – eingebaut.

Und jetzt will Teheran aufgeben, was es mit höchsten Kosten und Risiken (eines Bombenangriffs) seit bald 40 Jahren aufgebaut hat – Sanktionen hin oder her? Das Ziel ist offensichtlich deren Lockerung und Zeitgewinn.

Welche Taten müsste der Westen sehen? Vorweg totale Transparenz plus ungehinderten Zugang zu rund 20 waffenrelevanten Standorten – von A wie Anarak bis Y wie Yazd.

Folglich muss die Devise lauten: An den Taten wird gemessen, was das Wort bedeutet.