Barack Obama hat das Schicksal Syriens in die Hände des amerikanischen Kongresses gelegt. Und sein eigenes gleich mit. Was in der ersten Verblüffung über seine Volte wie Schwäche aussah, wie Angst vor der Entscheidung, Flucht aus der Verantwortung, das könnte sich als politisch klug erweisen.

Denn nun wird ernsthaft geprüft, debattiert und gestritten. Und damit gewinnt Amerikas Präsident Zeit, um sein Handeln politisch, wenn schon nicht rechtlich, besser zu legitimieren. Die Anhörungen im Senat haben gestern begonnen. Bis Mitte kommender Woche soll der Kongress diskutieren. Dann wird abgestimmt.

Der Einsatz von Massenvernichtungswaffen geht aber alle an, nicht nur die Amerikaner. Deshalb wird nun überall diskutiert, von Paris bis Canberra, welche Verantwortung die Welt für Syrien trägt. Sogar in Berlin, auch wenn man dort am liebsten schwiege, was zweieinhalb Wochen vor der Wahl kein Wunder ist.

Mit Macht ist das Thema Syrien auch auf die Tagesordnung des G-20-Gipfels gerückt. Die Vereinten Nationen kann diese Runde nicht ersetzen. Immerhin jedoch sitzen morgen in Sankt Petersburg die zwanzig mächtigsten Politiker an einem Tisch. Und die sollte der erste große Einsatz von Giftgas im 21. Jahrhundert nicht weniger beschäftigen als etwa die Folgen der Finanzkrise. Dank seines Zögerns hat Obama die anderen Chefs nicht vor vollendete Tatsachen gestellt.

Natürlich, völkerrechtlich kann nur der UN-Sicherheitsrat einen Militärschlag gegen das syrische Regime legitimieren. Das werden Russland und China mit ihrem Veto verhindern. Dennoch sollte sich Obama ein weiteres Mal um die Zustimmung des Sicherheitsrates bemühen. Wenn er damit scheitert, soll er dann nicht handeln?

"Ein solches Verbrechen kann nicht ohne Konsequenzen bleiben", sagt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Es wäre eine Einladung an jeden Diktator, so etwas wieder zu tun."

Und Perthes nennt einen weiteren Grund, warum Obama den angekündigten Angriff nicht wieder abblasen kann. "Es geht auch um die Weltordnung. Wenn eine Supermacht eine solche rote Linie zieht und nichts tut, wenn sie überschritten wird, dann stünde es nicht gut um die Aufrechterhaltung der Sicherheit in der Welt."

Nein, Obama hat Recht, wenn er darauf beharrt, dass eine Völkerrechtsnorm wie das Verbot von Chemiewaffen durchgesetzt werden muss. Dafür verdient er Unterstützung, im eigenen Land und in aller Welt.

Weiß der Himmel, Amerika ist kriegsmüde. Und Obama wurde, wie er selbst sagt, gewählt, um das Land aus seinen Kriegen herauszuführen, nicht, um neue Kriege zu beginnen.

Und doch, handelten die Vereinigten Staaten jetzt nicht, es wäre schlecht bestellt: um die Glaubwürdigkeit Amerikas, um die Sicherheit in der Welt, um die Verteidigung grundlegender Normen unseres Zusammenlebens und um die Hoffnungen der Syrer, der Barbarei nicht schutz- und hilflos ausgeliefert zu bleiben.