Der bullige, schwarze, kahlrasierte Marineveteran steckt ein Gewehr zusammen, dann macht er sich auf die Pirsch, in einem Bürogebäude. Eine Stunde später sind zwölf Menschen tot. Die Bilder vom Navy Yard in Washington, die das FBI Mittwoch freigegeben hat und die den ganzen Tag im US-Fernsehen liefen, sind verstörend. Aber in der Debatte um Waffen und Waffenkontrolle ist Amerika zerstrittener denn je. US-Präsident Barack Obama beklagte die "schleichende Resignation" gegenüber Waffengewalt und fragte: "Ist das uns überhaupt wichtig genug?" Denn nicht nur sind alle Versuche der Obama-Regierung, Waffenkontrolle durchzusetzen, am Kongress gescheitert, manche Bundesstaaten arbeiten sogar aktiv dagegen.

Demokratische Staaten — Kalifornien, New York, Connecticut, wo in Newport im Stadtteil Sandy Hook allein zwanzig Kinder von einem Amokläufer erschossen wurden — sind dabei, Waffenbesitz einzuschränken, während republikanische Staaten Gesetze erlassen, die Schwellen zu senken. Die Waffenlobby National Rifle Association, NRA, argumentiert, dass waffenfreie Zonen Amokläufer anziehen. "Schießereien geschehen dort, wo Gewehre verboten sind, und wo niemand zurückschießen kann", meint Susan Ferrechio, Kolumnistin des Washington Examiner. Viele Amerikaner rüsten auf. Allein in Sandy Hook wurden nach dem Massaker doppelt so viel Gewehre verkauft wie zuvor. "Leute tun das, woran sie glauben", sagte der frühere Nixon-Sprecher Pat Buchanan in einer Sonntagstalkshow. Und der Komiker Bill Maher meinte resigniert: "Waffenkontrolle ist tot, das ist Gewehrland. Man kann nicht überschätzen, wie sehr Amerikaner Waffen lieben."


In Iowa etwa dürfen nun auch Blinde Waffen tragen (und schießen). Denn dieses Recht sei in der Verfassung festgeschrieben, es dürfe Menschen mit Behinderung nicht verweigert werden, hieß es. Auto fahren hingegen dürfen Blinde in Iowa nicht, aber das ist ja auch kein Verfassungsrecht. In North Carolina ist es der Polizei verboten, konfiszierte Gewehre zu zerstören. Mississippi senkte das waffenfähige Alter auf 18 (Bier trinken darf man in Amerika erst mit 21). In Missouri und Kansas wurden Gesetze eingebracht, wonach es Washington generell untersagt wird, Waffenkontrolle durchzusetzen. 

Waffenlobby stürzte zwei Senatoren in Colorado 

FBI-Agenten, die das versuchen, dürfen von lokalen Sheriffs verhaftet werden. Den Sheriffs wiederum ist es verboten, mit dem FBI zusammenzuarbeiten, um illegale Waffen aus dem Verkehr zu ziehen. Das alles verstößt zwar gegen die Verfassung — weshalb der Gouverneur von Missouri auch sein Veto dagegen eingelegt hat — aber selbst demokratische Abgeordnete haben sich dafür ausgesprochen, weil sie Angst haben, vom Wähler bestraft zu werden.

Tatsächlich wurden in Colorado gerade zwei Senatoren in einer Nachwahl abberufen, weil sie für Waffenkontrolle eingetreten sind, beispielsweise Background Checks, die Überprüfung auf Vorstrafen bei Waffenverkäufen auf Messen und die Beschränkung von Magazingrößen. Die Waffenlobby hatte Stimmung gegen beide gemacht. Es nützte nichts, dass prominente Unterstützer, allen voran New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg und Eli Broad, ein Supermarktmillionär aus Los Angeles, fast eine halbe Million Dollar in eine Gegenkampagne investiert hatten. Die Waffenlobby, aber auch 55 Sheriffs des Bundesstaates verklagen auch den Gouverneur von Colorado, John Hickenlooper. Die Sheriffs meinen, dessen Waffenkontrollgesetze gäben ein "falsches Sicherheitsgefühl". Denn die Polizei könne bei einem Verbrechen gar nicht schnell genug vor Ort sein.

Während die Waffen zunehmen, sinkt die Zustimmung zur Waffenkontrolle. Nach einer Gallup-Umfrage sprechen sich nur noch 49 Prozent der Amerikaner dafür aus; direkt nach dem Sandy-Hook-Massaker waren es noch 58 Prozent. Hingegen glauben nun 46 Prozent der Amerikaner, dass der Umgang mit Geisteskranken schuld ist an den Amokläufen. Unter Ronald Reagan wurden Geisteskranke aus den Kliniken entlassen, heute landen viele Veteranen aus Afghanistan und dem Irak auf der Straße. Derweil treten Waffenlobbyisten immer dreister auf. Die Stiftung Second Amendment Foundation etwa, die für offenes Waffentragen eintritt, organisierte kürzlich ein Waffen-In in einem Starbucks, ausgerechnet in Sandy Hook.