Die Rakete trifft den Toyota Land Cruiser nahe Radaa in Zentral-Jemen. Zwölf der 14 Insassen sterben, darunter drei Kinder und eine Schwangere. "Vier Tote hatten keinen Kopf mehr, einige andere hatten Hände und Füße verloren", berichtet Nawaf Massoud Awadh, ein jemenitischer Scheich, der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Nur Stunden nach der Attacke, die einen Terroristen von Al-Kaida treffen sollte, erreicht der stellvertretende Gouverneur der Provinz Al-Bayda den Tatort – mit 95 Kalaschnikows und 70.000 US-Dollar, Blutgeld für die Opfer.

Der Vorfall in Jemen ist nur eine Episode des geheimen Drohnenkrieges, den die USA seit Jahren gegen das Terrornetzwerk Al-Kaida führen. Es ist ein Krieg zwischen Selbstverteidigung und Kriegsverbrechen und gleichzeitig eine Frage zwischen Moral und Recht.

Wie häufig Zivilisten Opfer solcher Angriffe werden, zeigen zwei aktuelle Berichte von Human Rights Watch und Amnesty International (AI). Amnesty hat Drohnenangriffe in Nordwasiristan untersucht, einer bergigen Stammesregion im Norden Pakistans, in der Taliban und Al-Kaida-Kämpfer Unterschlupf gefunden haben. 45 Angriffe in der Zeit von Januar 2012 bis August 2013 habe man geprüft, neun davon aufgearbeitet, so die Organisation.

"Bei einigen Angriffen kann es sich um Kriegsverbrechen handeln"

Im Oktober 2012 etwa sei eine 68-jährige Großmutter bei der Feldarbeit vor den Augen ihrer Enkel getötet worden, heißt es in dem Bericht. Die Kinder seien bei einem zweiten Luftschlag schwer verletzt worden. Im Juli 2012 hätten US-Drohnen 18 Dorfbewohner getötet, die anschließend als militante Kämpfer bezeichnet worden seien.

Die Menschenrechtsorganisation HRW zieht in ihrem 96-seitigen Bericht ein ähnliches Fazit. Der beschäftigt sich mit der Situation im Jemen. Mithilfe von 90 Interviews hat HRW sechs Angriffe zwischen 2009 und 2013 untersucht. Zweimal seien dabei willkürlich Zivilisten getötet worden, bei den weiteren vier Angriffen habe es sich möglicherweise nicht um legitime militärische Ziele gehalten. Unter den 82 Getöteten waren laut HRW 57 Zivilisten.

Die Vorwürfe der beiden Organisationen sind schwer. "Die USA haben beim Einsatz bewaffneter Drohnen in Pakistan immer wieder Völkerrecht gebrochen", sagt AI. "Bei einigen Angriffen kann es sich sogar um Kriegsverbrechen handeln." Die deutsche AI-Sektion kritisierte "eine Lizenz zum Töten, die menschenrechtliche Standards und das Völkerrecht vollkommen ignoriert".

"Ausgangspunkt aller Überlegungen ist, dass gezielte Tötungen von Individuen nur ganz ausnahmsweise gerechtfertigt sein können, nämlich dann, wenn kriegerische Auseinandersetzungen stattfinden", sagt der Völkerrechtler Christian Mayer von der Ludwig Maximilians-Universität München. "Man spricht im humanitären Völkerrecht insoweit vom bewaffneten Konflikt. Ob ein solcher zwischen den USA und Al-Kaida besteht, ist unter Völkerrechtlern umstritten. Aus der Sicht des humanitären Völkerrechts besteht kein qualitativer Unterschied zwischen Drohnen und anderen Waffen, etwa Langstreckenraketen. Ob ein Einsatz rechtmäßig oder rechtswidrig ist, kann deshalb nur im Einzelfall beurteilt werden."