ZEIT ONLINE: Herr Göbel, vor Lampedusa sind wieder mindestens 230 Menschen gestorben, weil sie nach Europa wollten. Frontex ist die Grenzschutzagentur der EU. Hätte sie die Katastrophe nicht verhindern können?

Ralf Göbel: Wir reden im Frontex-Verwaltungsrat schon lange und immer wieder über die Lage im Mittelmeer. Was sich verändert, was man tun kann. Wir wissen, dass bei Frontex-Operationen eine Menge Menschenleben gerettet wurden, fast 40.000 seit 2011. Flüchtlinge, die wir aus dem Meer gefischt und vor dem Ertrinken gerettet haben. Dass noch immer so viele Menschen dort sterben, diese Situation bedrückt uns sehr. Aber Frontex hat keine Möglichkeit, das Problem zu lösen.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Göbel: Weil wir nicht die Politik machen, sondern nur ausführen. Außerdem führt Frontex keine eigenen Einsätze durch, dass machen die Mitgliedstaaten an den Außengrenzen. Sie haben das Kommando und die rechtliche Verantwortung. Wir unterstützen und koordinieren nur, wenn es gewünscht ist – indem Grenzbeamte aus anderen Mitgliedsstaaten helfen und technische Mittel zur Verfügung gestellt werden. Bei den Operationen, an denen wir beteiligt sind, gelten strenge Verhaltensregeln, die auch den menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen sichern. Wir nehmen sie auf und kümmern uns um sie.

ZEIT ONLINE: Das hört sich ehrenwert an. Die interne Sprache von Frontex klingt aber ganz anders. Da ist von "Risikoanalysen" die Rede, wenn es um Flüchtlinge in einzelnen Grenzregionen geht.

Göbel: Die Risikoanalyse ist die Grundlage für die operativen Entscheidungen. Wir müssen wissen, was wo los ist, damit wir richtig reagieren können. Ob es beispielsweise um Wirtschaftsflüchtlinge geht oder um Kriegsflüchtlinge, wie die Schleusungsrouten verlaufen. Meine persönliche Meinung ist, dass man mit Grenzschutz keine Migrationsströme bewältigen kann. Der Grenzschutz ist das Ende der Kette. Das ist es, worauf die Flüchtlinge treffen, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

ZEIT ONLINE: Frontex kann nichts tun?

Göbel: Unser Hauptziel ist es, Schleuser zu fassen. In Libyen und Ägypten läuft das häufig so: Die Flüchtlinge werden auf normalen Schiffen aufs Meer gefahren, bis kurz vor die Grenze zur EU. Dann verfrachtet man sie auf diese klapprigen Boote mit der Ansage: Wenn ihr entdeckt werdet, müsst ihr zeigen, dass ihr in Seenot seid, damit ihr gerettet werdet. Das ist menschenverachtend und perfide. Dagegen versucht Frontex, vorzugehen.

ZEIT ONLINE: Aber die Schlepper ködern ihre Kunden doch schon in den Herkunftsländern oder spätestens in den Transitländern Nordafrikas. Was kann Frontex denn dagegen tun?

Göbel: Wir sammeln Informationen und geben diese an die Mitgliedsstaaten weiter.

ZEIT ONLINE: Die EU versucht zunehmend, die Flüchtlinge zu stoppen, bevor sie überhaupt die Außengrenzen erreichen. Sie bezahlen den Bau von Abschiebezentren in der Türkei, trainieren Grenzer auch in Nordafrika. Welche Rolle spielt Frontex dabei?

Göbel: Nach der letzten Veränderung der Frontex-Verordnung sind wir verpflichtet, in den Herkunfts- und Transitländern aktiv zu werden und ein Netzwerk aus Verbindungsbeamten aufzubauen. Das hilft uns, Informationen zu sammeln und besser reagieren zu können.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig ringt die EU seit vielen Jahren darum, dass zumindest die Mitgliedsstaaten eine gemeinsame Asyl- und Flüchtlingspolitik machen, gleiche Standards anwenden.

Göbel: Da ist einiges passiert in den nationalen Gesetzgebungen und in der Praxis der Polizei. Auch wenn es keine übergeordneten europäischen Gesetze gibt, ist der Umgang mit Flüchtlingen besser geworden. Auch wir bei Frontex haben neben der Grundrechtestrategie jetzt einen Fundamental Rights Officer. Die Kollegin schaut sich – fachlich weisungsungebunden – Operationen genauer an, wenn sie den Eindruck hat, dass etwas nicht richtig läuft. Und wenn sich das bestätigt, kriegt das entsprechende Land eine Abmahnung, auch im Verwaltungsrat. Das ist für die Betroffenen schon sehr peinlich.

ZEIT ONLINE: Ist Frontex eine politische Behörde?