Europa ist empört – und auch in den USA wird die Regierung in den Kommentaren zum Abhörskandal von Spitzenpolitikern hart angegangen. Zwar sind sich nicht alle Zeitungen darüber einig, ob die Aufregung gerechtfertigt ist. Doch ein Punkt scheint klar: Amerika hat Schaden genommen.

So schreibt die meistverkaufte amerikanische Zeitung USA Today: "Die Enthüllungen schaden Amerikas Ansehen in der Welt und der Möglichkeit, Koalitionen zu bilden und eine Führungsrolle einzunehmen." Von der Terrorismusbekämpfung bis zum Drogenschmuggel betreffe das eine Vielzahl von Themen.

Gleichzeitig stellt USA Today jedoch fest: "Einige der Nationen empören sich sicherlich zu sehr. Denn entweder bespitzeln sie die USA ebenfalls oder würden es tun, wenn sie es könnten. In der heutigen Welt sei es naiv, daran zu glauben, dass es keine digitale Spionage gebe oder die USA das einzige Land wären, das sie betreiben würde." Doch die Aufregung sei auch verständlich. Man müsse sich vorstellen, Verbündete würden Obamas Telefon abhören.

Obama einer Vertrauenskrise ausgesetzt

In einem Gastbeitrag in der New York Times sieht Roger Cohen die Zusammenarbeit mit den Verbündeten Frankreich und Deutschland in Gefahr. "Kooperation der Geheimdienste, der Militärs und die gemeinsame Bekämpfung von Terrorismus sind wichtig. Die Macht der USA und Europas schwindet, also ist die Zusammenarbeit doppelt wichtig." Natürlich würde sie durch den Abhörskandal nicht enden, doch Obama sehe sich einer Vertrauenskrise ausgesetzt. Wenn Merkel nun Details über die Abhörprogramme verlange, sei sie damit nicht allein.

Für The Economist ist das Thema Überwachung erst durch die jüngsten Enthüllungen zum Thema der europäischen Staats- und Regierungschefs geworden. Wer würde eigentlich nicht abgehört, sei nun die Frage. Was wolle Angela Merkel also von den USA? "Am Ende wird Amerika einen Preis bezahlen müssen. Die Währung könnte der Einblick in jene Daten sein, welche die Five-Eyes-Allianz zwischen den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland ansammelt."

Wie groß ist der Schock wirklich, fragt The Guardian. Die Enthüllungen drohten zwar einen tiefen Graben zwischen den USA und Europa aufzureißen. Doch wird auch der ehemalige Botschafter der USA bei der Nato, Kurt Volker, zitiert: "Ich kann nicht glauben, dass irgendjemand wahnsinnig überrascht ist."

Spannungen von historischem Ausmaß

Für die französische Zeitung Le Monde sind dennoch Spannungen von historischem Ausmaß erreicht. In einem Beitrag, in dem die Zeitung aus geheimen NSA-Dokumenten zitiert, schreibt Le Monde: "Die Schaffung eines beispiellosen Systems elektronischer Spionage hat nun sogar historische Verbündete wie Frankreich erreicht."

Deutliche Worte findet auch die belgische Wirtschaftszeitung De Tijd: "Der NSA-Spionageangriff auf Angela Merkel bringt das Fass zum Überlaufen, und Europa muss nun gemeinsam und entschlossen darauf reagieren." Gespielte Empörung reiche nicht mehr aus. Die Affäre müsse Anlass sein, knallharte Garantien für den Datenschutz der europäischen Bürger zu fordern. Europa verfüge über ein Druckmittel: das Freihandelsabkommen zwischen beiden Wirtschaftsmächten.

Die Schweizer Neue Zürcher Zeitung hingegen fordert eine sachliche Debatte. "Wenn latenter Antiamerikanismus und die tief sitzende deutsche Abneigung gegen Nachrichtendienste gerührt und geschüttelt werden, entsteht ein hochgiftiger Empörungscocktail", steht dort. "Auch der Bundesnachrichtendienst hört in Afghanistan und anderen Krisengebieten eifrig ab und teilt sein Wissen gerne mit den Verbündeten." Die Kanzlerin neige im Gegensatz zu vielen ihrer Landsleute nicht zu hypermoralischen Betroffenheitsorgien. "Wenn sie sich entschließt, in solch einem Fall die Öffentlichkeit zu suchen, hat sie einen triftigen Anhaltspunkt. Treffen die Anschuldigungen zu, muss sich die amerikanische Regierung das Bonmot von Napoleons Polizeichef Fouché vorhalten lassen, etwas Schlimmeres als ein Verbrechen begangen zu haben, nämlich einen Fehler."