Wenn zwei Länder keine Probleme miteinander haben, kann dies auch zum Problem werden. Viele Jahre lang waren die deutsch-japanischen Beziehungen von freundlichem Desinteresse geprägt. Man versicherte sich des gegenseitigen Wohlwollens, Deutschland lobte den "Wertepartner in Fernost", ansonsten ging man seiner Wege.

Routine war eingezogen im Miteinander der beiden Länder. Routine aber ist das Ende jeder Leidenschaft. Und so sahen sich Politik und Wirtschaft in Deutschland nach einer neuen Liebe um und entdeckten sie in China. Die Japaner litten viele Jahre eher still unter dem Treuebruch, wie es ihre Art ist. Nun aber warnen sie etwas vernehmbarer vor den Gefahren einer gegenseitigen Entfremdung.

Etwa beim 22. Deutsch-Japanischen Forum Anfang dieser Woche in Tokio. Es gebe eine "Perzeptionskluft", hatten japanische Diplomaten schon vor Beginn des Treffens beklagt. Kaum saßen beide Seiten im Gästehaus des Außenministeriums zusammen, beklagte sich ein Abgeordneter der konservativen Regierungspartei LDP, in Deutschland würden "unglaubliche Unwahrheiten" über die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe verbreitet.

Unwahrheiten? Gemeint war damit erst einmal die Kritik an der Politik des billigen Geldes, mit der Abe Japans Konjunktur ankurbeln will. Jetzt, da sich dank der Abenomics nach 20 Jahren der Stagnation und Deflation endlich die Stimmung bessere und die Wirtschaft Fahrt aufnehme, hätten die Deutschen nichts Besseres zu tun, als vor neuen Schuldenbergen und einem Strohfeuer zu warnen.

Empfindlicher noch aber reagiert das offizielle Japan auf Kritik an seiner Sicherheitspolitik. Die "Neuinterpretation" der pazifistischen Verfassung sei keineswegs Ausdruck eines bedrohlichen Nationalismus, gar einer Aufrüstungspolitik. Nein, der "aktive Pazifismus", den Japan unter Abe betreibe, sei vielmehr die Bereitschaft zu gemeinsamer Friedenspolitik, wie sie gerade die Amerikaner immer wieder forderten und wie sie Deutschland selbst seit den neunziger Jahren betreibe.

Die deutsche Seite, vertreten durch hochrangige Regierungsvertreter, betonte dagegen das "Potenzial für Misstrauen und Missverständnisse" bei Japans Nachbarn, das Abes Politik einer neuen Interpretation der Verfassung samt ihres Artikels 9 mit seinem kategorischen Nein zu jeder Kriegführung berge. Die Sicherheitslage in Asien, hieß es, "sehen wir nicht ohne Sorge". Und schuld daran seien, hörte man heraus, nicht nur China und Nordkorea.

Das kam nun nicht so gut an, denn aus Sicht Japans ist klar, wer für die Spannungen in Ostasien die Verantwortung trägt. "China provoziert zur See und aus der Luft", sagte ein Abgeordneter. Und ein früherer Vizeaußenminister ergänzte zum Inselstreit im Ostchinesischen Meer: "Wir brauchen keinen Schritt zurückzugehen." Denn – darin war sich die japanische Seite einig – es gibt kein Territorialproblem.

Das sahen nun wohl alle auf der deutschen Seite anders, und durch Vertreter der Bundesregierung wurden die Japaner freundlichst aufgefordert, an einer "Architektur des Interessenausgleichs" mitzuwirken.

Dieser Rat käme in Tokio gewiss noch besser an, achteten die Deutschen stärker auf die richtige Balance, sozusagen auf die Statik ihrer Reisediplomatie.

"Frau Merkel", klagte ein früherer Außenminister, "kommt fast nie nach Japan. Nach China fährt sie jedes Jahr! Frau Merkel achtet China sehr, da setzt sie ihren Schwerpunkt." Ein Fehler – aber das sagte er nicht.

Die Leidenschaft war plötzlich wieder da. Wie schön! Immerhin: Wer sich streitet, der liebt sich noch. Zufrieden begaben sich die Beteiligten zu einem gemeinsamen Mittagessen.