Jean-Claude Juncker nimmt seine Wähler in den Arm. Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links. Fast tausend Menschen sind an diesem Oktoberabend gekommen, um ihn zu sehen – und alle wollen ein Foto. "Jean-Claude", wie sie ihn nennen dürfen, nimmt sich Zeit. Ältere Damen kichern wie junge Mädchen, wenn der Premier ihnen zulächelt. Vorne im Saal steht sein Vater, er klopft dem berühmten Sohn, der selbst schon tiefe Falten im Gesicht hat, ermutigend auf die Schulter. Es ist Wahlkampf in Luxemburg und hier in der Stadt Esch-sur-Alzette im Süden des Landes, bei "Juncker on Tour", ist alles noch so, wie es immer war. So scheint es jedenfalls.

Aber wenn Juncker nah ist, sieht er müde aus. Sehr müde sogar.

"Wenn Sie Zeitung gelesen haben", beginnt er seine Rede, "dann wundern Sie sich wahrscheinlich, wieso ich heute Abend überhaupt hier stehe." Es ist ein merkwürdiger Satz für einen Mann, der seit immerhin 18 Jahren Regierungschef ist, für einen Premier, der Küsschen verteilt, nicht zuletzt, weil er am kommenden Sonntag wiedergewählt werden will.

Zwei Tage zuvor bei einer Veranstaltung einer Zeitung in Luxemburg Stadt: Der Moderator hat sich die Frage bis ganz zum Schluss aufgehoben. Es geht ihm um eben jenes, was in den Zeitungen diskutiert wird. "Herr Premierminister", setzt er an. Juncker, bis zu diesem Moment im Sessel weit zurückgelehnt, rutscht zur Kante vor. "Demnächst werden in Europa wieder Spitzenposten frei. Wollen Sie wirklich hierbleiben?" Diese Frage. Er hat sie so oder so ähnlich in den vergangenen Wochen schon oft gestellt bekommen. Juncker seufzt.

Er wird die Gerüchte einfach nicht los. Immer wieder hieß es, er, Ex-"Mr.Euro", könne der nächste Präsident der Europäischen Kommission werden. Dann wäre er weg aus Luxemburg, zurück auf der großen Bühne der Europapolitik. Auf der hat er sich immer wohlgefühlt. Weshalb ihm niemand ganz und gar glauben mag, wenn er antwortet: "Nach dieser Wahl gibt es für mich nur zwei Möglichkeiten. Premier oder Opposition hier in Luxemburg. Ein europäisches Amt interessiert mich nicht mehr."

Luxemburg war immer ein Land von Europa-Euphorikern. Gerade mal 500.000 Menschen leben hier, seit jeher muss sich das Herzogtum mit anderen verbünden, um bestehen zu können. Luxemburg ist auch nicht irgendwer in der EU, es ist von Anfang an dabei gewesen, Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, aus der die Europäische Union wuchs. Früher arme Bauern, kamen die Luxemburger durch den Stahl zu Geld, später kamen die Banken und mit ihnen noch mehr Geld. Über der Stadt auf dem Kirchberg thronen der Europäische Gerichtshof und einige andere EU-Institutionen. Man kann die hohen Gebäude von überall aus sehen. Europa gab Luxemburg eine Stimme.

Eine bizarre Geheimdienst-Affäre

Ein begeisterter Europäer zu sein, ist demnach für Luxemburger Politiker eigentlich höchste Bürgerpflicht. Und Jean-Claude Juncker verkörpert dies mehr als jeder andere. Stolz blickten Einwohner des zweitkleinsten EU-Mitglieds – nur Malta ist noch kleiner – in den vergangenen Jahren auf ihren Premierminister, der international so erfolgreich war. Wie die meisten Luxemburger spricht er neben Letzebuergesch auch fließend Deutsch und Französisch. Er verhandelte schon mit Helmut Kohl, später, als Euro-Gruppenchef, rettete er Griechenland. Und gewann wie nebenbei in Luxemburg Wahl um Wahl. Bis zu diesem Sommer und einer bizarren Affäre um den nationalen Geheimdienst. Da sah es plötzlich so aus, als habe er vor lauter Europaliebe zu Hause nicht mehr alles im Griff. Oder noch schlimmer: als wäre es ihm nicht so wichtig.

Nun ist Juncker zwar wieder als Spitzenkandidat der Konservativen angetreten, und seine Partei regiert seit 30 Jahren – doch diesmal scheint die Sache nicht so sicher wie all die Jahre zuvor. Es ist etwas zerbrochen zwischen vielen Luxemburgern und ihrem Staatschef. Gut die Hälfte der Wähler wünscht sich laut Umfragen einen Wechsel. Und das in einem Land, dessen Wahlspruch ist: Wir wollen bleiben, was wir sind. Das ist neu für Juncker.

Dabei hatte er die Geheimdienstsache am Anfang gar nicht so ernst genommen, erzählen andere aus der Luxemburger Politik. Doch dann wurden die Details, die ein Untersuchungsausschuss im Parlament zutage förderte, immer abenteuerlicher. Der luxemburgische Geheimdienst soll über Jahre ein unkontrolliertes Eigenleben geführt haben. Er handelte illegal mit Autos, legte eigene Goldreserven an, wollte einen kritischen Staatsanwalt mit fingierten Pädophilie-Vorwürfen wegmobben und hörte einmal sogar den Premierminister mithilfe einer präparierten Armbanduhr ab. Was klingt wie ein schlechter Krimi, wurde für Juncker zum echten Problem. Er ist qua Amt der Chef des Dienstes. Zwar stoppte er die Aktivitäten, meldete sie aber nicht dem Parlament. Disziplinarverfahren gab es auch keine. Als alles aufflog, sah er schlecht aus, sein Koalitionspartner rückte von ihm ab. Es wurde gefährlich.