Es war ein Appell an die aggressive Menge. Xenia hatte vor drei Tagen ihren 25-jährigen Freund Jegor verloren. Nun sagt sie mit gefasster Stimme im Moskauer Fernsehen: "Ich bin gegen diese Demonstrationen. Ich weiß, dass alle verschieden sind und dass unsere Polizei ihre Aufgabe meistern wird."

"Alle" – das sind die Ausländer in Moskau. Vor drei Tagen, als sie mit ihrem Freund von einer Geburtstagsfeier nachts nach Hause zurückkehrte, pöbelte ein Mann die beiden auf der Straße an. Es kam zum Streit, ein Messer blitzte auf, und Xenias Freund fiel tödlich getroffen zu Boden. Eine Überwachungskamera filmte den flüchtigen Messerstecher. Er sieht aus wie ein Kaukasier.

Xenias Worte halfen nichts. Am Sonntag versammelten sich mehrere Hundert Menschen auf dem Parkplatz, auf dem Jegor gestorben war. Die Ruhigeren hatten formulierte Forderungen: Die Polizei möge den Mörder finden und den nahegelegenen Gemüsemarkt, auf dem vor allem Ausländer arbeiten, schließen. Andere beklagten, dass nach Mitternacht in Birjuljowo kein "Mensch mit slawischem Aussehen" mehr auf der Straße anzutreffen sei und schoben die Übel der Schlafstadt nahe der Stadtautobahn auf die "Schwarzen", wie der Schimpfname der Ausländer und Kaukasier lautet. Der Rest wollte Pogrome.

Steine und Flaschen gegen die Polizei

Bekannte Nationalisten reisten an, um den "Genozid der Russen im eigenen Land" zu beklagen und sich am Feuerchen der wütenden Bürger zu wärmen. Erstes Ziel der Menge, die auf mehrere Tausend angeschwollen war, war das Einkaufszentrum, in dem viele Migranten arbeiten. Glas splitterte, und eine Rauchbombe flog in den Eingang. Wer sich auf die Straße rettete, geriet in Gefahr, verprügelt zu werden. Auch mancher russische Kunde musste sich danach mit Knochenbrüchen oder Platzwunden ins Krankenhaus bringen lassen. Die nationalistisch gestimmten Randalierer nahmen das in Kauf.

Die Wachleute des Einkaufszentrums konnten Schlimmeres verhindern. Doch auf der Straße tobte der Mob weiter, warf mit viel Mühe einen Lieferwagen um und stürmte dann den verlassenen Gemüsemarkt. Auf die Sonderpolizisten, die sich in den Weg stellten, gingen Steine, Flaschen und Papierkörbe nieder. Erst in der Nacht gelang es der Polizei, die krawallwütige Menge auseinanderzujagen. Knapp 400 Menschen wurden festgenommen. In den sozialen Netzwerken dominiert seither das Thema Migranten und Fremdenfeindlichkeit. Manche Blogger warnten und andere frohlockten, Birjuljowo sei nur eine Generalprobe gewesen.

Denn die Ausschreitungen haben gezeigt, welche Brisanz das Ausländerthema in Moskau erreicht hat. Zwar hat die Zwölf-Millionen-Stadt seit Jahren eine offizielle Quote von nur 200.000 Gastarbeitern. Aber die Wahrheit jenseits der beschwichtigen Behördenangaben sieht anders aus: Manche schätzen die Zahl der Migranten in der Stadt auf zwei Millionen. Genau weiß es keiner, denn ein großer Teil der Zugezogenen lebt illegal in der Stadt. Die Mehrzahl der Zuwanderer kommt aus den früheren sowjetischen Republiken im muslimischen Zentralasien oder aus dem Kaukasus. Moskaus Reichtum lockt sie aus der heimischen Armut an.

Die Stadt lebt von der billigen Arbeit der Gastarbeiter – und verachtet sie zugleich. Die Angst vor einer schleichenden Islamisierung ist für viele Moskauer laut Umfragen noch vor den chronischen Staus zum Aufregerthema geworden. Bürgerinitiativen kämpfen gegen neue Moscheen in der Nachbarschaft. Gewaltverbrechen der Zugereisten oder brutale Nationalistenrazzias in den Massenwohnheimen der Arbeiter gehören fast zur Routineware auf den Nachrichten-Websites.