Der von Edward Snowden ausgelöste Mega-Skandal um die weltweite Observation des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes und seiner Verbündeten hatte bislang vor allem einen fatalen Eindruck hinterlassen: Die USA machen, was sie wollen, selbst unter einem anfangs so bejubelten demokratischen Präsidenten wie Barack Obama. Sie scheren sich weder um Bürgerrechte, noch um das Völkerrecht oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel.

Viele sahen sich dadurch in ihren anti-amerikanischen Ressentiments bestärkt. Selbst traditionell amerikafreundliche Unions-Politiker sind angesichts der jüngsten Enthüllung zum US-Lauschangriff auf Kanzlerin Angela Merkel erschrocken und gehen auf Distanz zu den "Freunden" in Washington.

Die neue Entwicklung zeitigt aber auch positive Folgen. Denn es stellt sich heraus, dass auch der allmächtige amerikanischen Sicherheitsapparat nicht unantastbar ist. Die Geheimen in den USA wie auch in Deutschland und in anderen Ländern sehen sich durch den Druck der demokratischen Öffentlichkeit gezwungen, den Schleier, mit dem sie sonst ihre Operationen verdecken, zu lüften. Etwas wenigstens.

Das staunende Publikum erlebt, dass sich die Chefs der US-Spionage öffentlich rechtfertigen müssen für die globalen Spähaktivitäten gegen Feind wie Freund. Und dass sie bestätigen, was bisher nur zu erahnen war: Wie eng nämlich die willige Kooperation anderer Geheimdienste wie des Bundesnachrichtendienstes mit den amerikanischen Partnern ist. Ohne ihre tätige Mithilfe könnten selbst die technologisch hochgerüsteten US-Spione kaum Abermillionen Bürger in aller Welt observieren.

Präsident François Hollande hatte sich jüngst bei Obama beschwert, weil die NSA die Daten von Millionen Franzosen abfange. Doch diese Daten habe der französische Geheimdienst selbst beschafft und an die NSA weitergegeben, entgegnet jetzt NSA-Chef Keith Alexander. Und sie beträfen auch nicht französische Bürger, sondern stammten aus der Auslandsaufklärung. Das scheint nach allem, was wir erfahren haben, plausibel. Auch in Deutschland läuft es so.

Ein Stück Transparenz

So geht auch ein Stück Verlogenheit verloren. Denn bisher bemühte sich die amtierende schwarz-gelbe Regierung, unschuldig zu tun. Sie profitierte wie alle Vorgängerregierungen gerne von den amerikanischen Geheimdiensterkenntnissen und billigte deshalb bereitwillig die Gegenlieferungen und Hilfsdienste der deutschen Dienste. Dass dies jedoch zwangsläufig auf Kosten des Datenschutzes und der Bürgerrechte geschieht und damit genau die Freiheit und Sicherheit infrage stellt, welche die Nachrichtenleute angeblich verteidigen sollen – davor verschloss sie die Augen.

Das geht nun nicht mehr, nachdem offenbar geworden ist, dass die US-Spionage mit ihren Datenstaubsaugern, Richtmikrophonen und Überwachungscomputern selbst vor den Regierungschefs enger Verbündeter nicht Halt macht. Und das ganz offensichtlich nicht etwa im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus, sondern aus ureigenen nationalen Interessen, wozu auch Wirtschaftsspionage gehört.

So entsteht – Snowden und seiner Helfer in den Medien sei Dank – wenigstens ansatzweise jene Transparenz, die manche auch auf dem Feld der Geheimdienste schon lange fordern. Grundlegend ändern wird sich deren Arbeit wahrscheinlich nicht. Aber wenn sie sich künftig nicht mehr alles zu machen trauen, was sie könnten, weil sie das Licht der Öffentlichkeit fürchten, wäre schon einiges gewonnen.