Am frühen Morgen des 25. Oktober 2003 stand die gecharterte Tupolew-134 auf dem Flughafen von Nowosibirsk zum Auftanken bereit. An Bord hatte der reichste Mann Russlands und Chef der viertgrößten Ölfirma der Welt, Yukos, Platz genommen. Um fünf Uhr blockierten zwei Autobusse mit getönten Scheiben das Flugzeug. Bewaffnete der Spezialeinheit Alfa stürmten den Salon. "Nicht bewegen, wir schießen!", riefen sie und verhafteten Michail Chodorkowski. "Gut, gehen wir", sagte der Milliardär noch. Es sollte sein letzter Tag in Freiheit sein. Am Freitag sitzt er seit einem Jahrzehnt in Haft.

Chodorkowski war niemals persönlich eine Gefahr für Präsident Wladimir Putin. Als Kandidat hätte er bei Wahlen in Russland keine Chance gehabt: Zu reich und damit verhasst war er, vielleicht auch von zu scharfem Intellekt. Zudem hätte seine jüdische Herkunft viele Wähler, die einem postsowjetischen Antisemitismus anhingen, abgeschreckt. Gefährlich waren sein Geld, mit dem er Abgeordnete im Dutzend kaufen konnte und die Opposition finanzierte, und seine Hybris.

Sie ließ ihn gegen die ungeschriebene Abmachung Putins mit den Oligarchen verstoßen: Ihr könnt weiter Millionen verdienen, wenn ihr Euch aus der Politik heraushaltet. Chodorkowski erdreistete sich sogar, vor laufender Kamera dem Präsidenten zu widersprechen und der Regierung Korruption vorzuwerfen. Er bot die Stirn, verletzte persönliche Eitelkeiten und flüchtete auch nach mehrmaligen Warnungen nicht ins Ausland. Da war er nicht mehr zu retten. In zwei Prozessen wurde er wegen Steuerhinterziehung und wegen Unterschlagung und Geldwäsche verurteilt. Viele nennen ihn einen politischen Gefangenen. Aber ist er das überhaupt?

Alexej Nawalny ist heute der erfolgreichste Putin-Gegner

Sogar Russlands Opposition tut sich schwer mit der Definition des politischen Gefangenen. Gehören Häftlinge dazu, die schwere Verbrechen, wenn auch aus politischen Motiven, begangen haben? Oder sind es vielmehr jene, die aufgrund "politischer" Paragrafen des Strafgesetzbuches verurteilt wurden? Unter diesen Paragrafen versteht die Opposition vor allem die "anti-extremistische Gesetzgebung" Russlands. Sie stellt "öffentliche Aufrufe zur extremistischen Tätigkeit" oder die "Aufwiegelung zu Hass und Feindschaft" unter Strafe. Die Begriffe "extremistisch" oder "öffentlicher Aufruf" sind dabei bewusst unscharf definiert, was den Staatsanwälten und Geheimdienstlern Freiraum für die Fantasie bietet. Nach diesen Paragrafen wurde schon ein Rentner verurteilt, der im Café vor vier Gesprächspartnern, die sich später als verdeckte Ermittler erwiesen, nationalistische Thesen vertrat.

Wer einen Häftling als politischen Gefangenen einstuft, geht das Risiko ein, einen gewöhnlichen Straftäter zu decken. Das gestehen russische Menschenrechtler zu. Aber die Anerkennung als politischer Gefangener, erwidern sie, bedeute nicht seine Unschuld. Sie stelle nur fest, dass der Staat aus politischen Motiven übermäßig hart ermittelt, willkürlich gehandelt oder verurteilt habe. Aus dieser Sicht ist Chodorkowski tatsächlich ein politischer Gefangener: Sein politisches Engagement sollte unterbunden werden. Zumindest im zweiten Prozess, der im Dezember 2010 mit einem Schuldspruch endete, wurde das Ziel deutlich, Chodorkowski hinter Gittern zu halten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die zuvor auf die Bezeichnung "politischer Gefangener" verzichtet hatte, ernannte ihn nun dazu.

Den Rang des politischen Häftlings Nr. 1 hätte vor zwei Wochen fast ein ehrgeiziger Oppositionspolitiker Chodorkowski streitig gemacht: Der Blogger und Antikorruptionskämpfer Alexej Nawalny trat zur Berufungsverhandlung in einem dubiosen Verfahren wegen Betrugs vor Gericht. Es roch nach einem Justiz-Schlag gegen den erfolgreichsten aller Putin-Gegner. Bei der Bürgermeisterwahl in Moskau hatte Nawalny am 8. September gut 27 Prozent der Stimmen erhalten.

Herausgekommen ist im Gerichtssaal ein Kompromiss-Urteil: schuldig und fünf Jahre Haft – aber auf Bewährung. So ist Nawalnys weiterer politischer Aufstieg jederzeit angreifbar, denn auch das kleinste Vergehen könnte die Bewährung aufheben. Der Oppositionelle hängt vom guten Willen der Macht und Staatsanwälte ab. Zudem entwerfen Abgeordnete des Parlaments in Moskau gerade ein Gesetz, das bestimmen soll, wie lange rechtskräftig Verurteilte das passive Wahlrecht verlieren. Sollten sie einen Entwurf billigen, laut dem die Frist der Nicht-Wählbarkeit länger ist als die Dauer der Haftstrafe, wäre Nawalny für die Präsidentschaftswahl 2018 als Kandidat gesperrt.