Es sei jetzt an der Zeit, die Welt zu entamerikanisieren. Das zumindest findet ein Kommentator  der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Diese ist staatlich und gibt nur solche Ansichten wieder, die auch auf Linie der herrschenden KP Chinas liegen. Aber auch dort ist der Shutdown der US-Regierung natürlich Thema. Der Kommentator konstatiert in seinem nur in der englischsprachigen Xinhua-Ausgabe erschienenen Text: Solch beunruhigende Tage, in denen das Schicksal anderer in den Händen einer heuchlerischen Nation liege, gehörten beendet.

Doch unabhängig von der im Kommentar verbreiteten Polemik gegen die weltweite US-Hegemonie seit dem Zweiten Weltkrieg hat man in Peking tatsächlich gute Gründe, nervös zu sein: Der chinesische Staat ist angesichts seiner US-Anleihen im Wert von 1,28 Billionen US-Dollar zusammen mit Japan der größte Gläubiger der USA.

Und zweifellos ist das, was die politischen Eliten der USA sich gerade leisten, hochriskant. Mit dem Streit um die Heraufsetzung der gesetzlich festgeschriebenen Schuldenobergrenze und dem daraus folgenden Shutdown im Kongress setzen sie das Vertrauen ihrer Kreditgeber aufs Spiel und gefährden die Rolle des Dollar als globale Leitwährung. Die internationalen Abhängigkeiten vom Leitwährungsstaat USA sind zu groß. Andererseits unterscheidet das, was in den USA derzeit passiert, eben ein gewachsenes demokratisches System von einem Einparteienstaat wie China. 

Was wäre, wenn die Funktionäre nicht mehr kommen?

Ein per Gesetz erzwungener Regierungsstillstand wegen zu hoher Schulden ist für die Autokratie China eine nahezu groteske Vorstellung. Und erst recht die möglichen Folgen: Was würden dann die Staatsunternehmen tun, die Chinas Volkswirtschaft bis heute dominieren? Was wäre, wenn die unzähligen Funktionäre nicht mehr an ihre Arbeitsplätze kämen? Würde am Ende gar die Kontrolle der Gesellschaft aufgehoben?

In ökonomischer Hinsicht aber interpretieren Wissenschaftler in der VR China den Regierungs-Shutdown der USA als Anregung für das eigene System. Man wundert sich, dass die US-Gesellschaft auch ohne Zentralregierung funktionieren kann. Die Tatsache, dass der Duchschnittsamerikaner noch wenig vom Shutdown betroffen ist, zeige die Grenzen auf zwischen Regierung und Wirtschaft in den USA, China sollte daher auch beides entkoppeln. Viele Chinesen sehen den Shutdown daher auch als ein Zeichen von Systemeffizienz, wie der US-amerikanische China-Analyst Isaac Medina herausstellt.

Außenpolitisch jedoch legt Peking den Regierungsstillstand etwas anders aus. Barack Obama musste wegen des Shutdowns bekanntlich seine Asienreise absagen. Gleichzeitig präsentierten Präsident Xi Jinping und Premier Li Keqiang auf dem Apec-Gipfel (Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation) in Bali und auf dem Asean-Gipfel in Brunei selbstbewusst Chinas internationale Ambitionen.

Ob und wie sehr jedoch die USA aufgrund innenpolitischer Zwänge die internationale Politik selbst entamerikanisieren, ob Amerika weiterhin über internationale Gestaltungskraft verfügt, ist inzwischen Gegenstand lebhafter Debatten geworden, auch auf ZEIT ONLINE. Sicher erscheint vorläufig, dass im US-Kongress auch diesmal eine Lösung gefunden wird und dass die Macht Washingtons auch nach dem Shutdown nicht geringer geworden sein wird.