Seit einer Woche sind die ersten internationalen Inspektoren in Syrien unterwegs, wo sie in den nächsten acht Monaten die tausend Tonnen tödlicher Chemiewaffen aufspüren und vernichten sollen, die Syriens Diktator Baschar al-Assad in seinem Arsenal angehäuft hat. Gestern trat Syrien offiziell der Organisation zur Beseitigung dieser Waffen bei

Nach den ersten Meldungen haben sich die Arbeiten gut angelassen. Die Syrer verhalten sich "ganz konstruktiv und kooperativ", wird berichtet. In der vorigen Woche hat das Team der in Den Haag angesiedelten Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons bereits die Zerstörung einer kleinen Anzahl von Raketensprengköpfen, Bomben und Produktionsmaschinen beaufsichtigt.

Die eigentlichen Schwierigkeiten stehen den Inspektoren – bis November sollen es 100 sein – freilich erst bevor.

Das Assad-Regime hat den Vereinten Nationen zwar eine vorläufige Liste der Orte übergeben, an denen Chemiewaffen gelagert oder produziert werden. Sie führt jedoch nur 20 Orte auf – weit weniger als die 45 Lager- und Produktionsstätten, von denen die westlichen Geheimdienste ausgehen. Bis 27. Oktober sollen die Syrer nun eine vollständige Liste vorlegen.

Ob die Inspektoren – Unterhändler, Chemiker, Ingenieure und Waffenexperten – ihre Arbeit wie geplant tun können, hängt ganz davon ab, ob es gelingt, zwischen den Bürgerkriegsparteien zeitweilige Waffenstillstände zu arrangieren. Sieben der 20 bisher angegebenen Orte befinden sich in Kampfzonen. Die Inspektoren könnten da leicht zwischen die Fronten geraten. Womöglich wird man ihnen eigene Schutztruppen zur Seite stellen müssen, um ihre Sicherheit zu gewährleisten.

Allzu leicht vergessen wir ja, dass der Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und Rebellen unvermindert weitergeht. Nach wie vor wird gebombt, geschossen, massakriert und gestorben. Dabei stehen sich die beiden Seiten an Brutalität wenig nach. Der Abbau der Chemiewaffen, deren Einsatz in einer Vorstadt von Damaskus am 21. August 1.400 Menschen das Leben kostete, betrifft nur einen winzigen Ausschnitt des Konfliktes, dem schon über 100.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, die mit konventionellen Waffen umgebracht wurden.

Dieser größere Konflikt jedoch lässt sich, wenn überhaupt, nur politisch lösen. Deswegen sind die Genfer Verhandlungen, auf die sich die Vereinigten Staaten und Russland in dieser Woche vorbereiten, weit wichtiger als alles, was sich bei den Chemiewaffen. Nur übergreifende Verhandlungen können die Kämpfe beenden.

Allerdings setzt ein erfolgreicher Ausgang der Verhandlungen zweierlei voraus. Zum Ersten müssen Amerikaner und Russen ihre gemeinsame Verantwortung begreifen, anstatt sich auf ein diplomatisches Tauziehen zu versteifen. In Genf darf nicht der Kalte Krieg fortgesetzt werden. Putin muss sich davor hüten, bloß den USA eine Schlappe beibringen zu wollen.

Umgekehrt darf Obama Moskau nicht nur eigensüchtige Absichten unterstellen. Der russische Präsident, was immer man sonst an ihm aussetzen mag, hat ernste, dringliche und überzeugende Gründe dafür, dass in Syrien Ruhe und Frieden einkehren.

Die Sorge um 50.000 Russinnen und Russen, die während des Kalten Krieges nach Syrien geheiratet haben, und die Erhaltung der militärisch ziemlich unbedeutenden russischen Flottenstation in Tartus haben dabei wohl nur geringes Gewicht. Schwerer wiegt die Befürchtung, dass ein Sieg der radikalen Islamisten in Syrien gravierende Rückwirkungen auf die ohnehin schon aufsässigen Muslime in Russland haben würde.

Zum Zweiten ist unabdingbar, dass sämtliche Bürgerkriegsparteien und all ihre Sponsoren, Unterstützer und Schirmherren am Genfer Verhandlungstisch sitzen. Das heißt: Assad kann so wenig ausgeschlossen werden wie die Freie Syrische Armee oder, so schwer es dem Westen auch fällt, die islamistische Rebellengruppe Al-Nusra.

Weiter heißt es, dass der Iran vertreten sein muss, wenn überhaupt eine Aussicht auf Erfolg geschaffen werden soll. Die Entspannung, die sich gegenwärtig zwischen den USA und dem Iran des neuen Präsidenten Ruhani anbahnt, ist auch unter diesem Aspekt von großer Bedeutung. Der israelische Ministerpräsident Netanjahu darf sie nicht hintertreiben.

Über eines sollten sich alle im Klaren sein: Wenn der multikonfessionelle und multiethnische Staat Syrien auseinanderbricht, wäre auch das Staatensystem am Ende, das Franzosen und Briten mit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916 und weiteren Abkommen nach dem Kollaps des Osmanischen Reiches geschaffen haben.

Die Region würde in eine Vielzahl von Stammesgebieten mit Flaggen zerfallen. Mehrere Staatsgrenzen kämen ins Rutschen. Das heutige Tohuwabohu im Mittleren Osten würde uns als vergleichsweise idealer Zustand erscheinen.

Kein Zweifel: In Genf steht viel auf dem Spiel.